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Wie die deutsche Mutter die Welt erretten soll

14. Januar 2008

Anläßlich einer Veranstaltung mit Eva Herman in der Kongreßhalle Gießen, wurde das folgende Flugblatt verteilt; eine pdf-version davon gibt es hier .

Wie die deutsche Mutter die Welt erretten soll – Eva Hermans Heilsversprechen

Mit Eva gegen Akne
Es hätte vollkommen ausgereicht, wenn die Autorin und berufstätige Mutter Eva Herman es dabei belassen hätte, ihre „provokanten Thesen“ zum Thema Emanzipation und die Rolle der deutschen Frau in der Gesellschaft in ihrem im Mai 2006 erschienenen Artikel „Die Emanzipation- ein Irrtum?“ zu formulieren. Sie selbst sagt jedoch, dass die zahlreichen Reaktionen auf diese im Magazin „Cicero“ erschienene Streitschrift für eine Rückbesinnung auf die „Weiblichkeit“ es rechtfertigen, diesen „Tabubruch“ aus zu weiten.
Es folgten zwei Bücher, „Das Eva Prinzip“ und „Das Prinzip Arche Noah“. Wie aus den Titeln bereits erkennbar wird, formuliert Herman hier gemeinsam mit ihrer Co-Autorin ein Prinzip, also ein geschlossenes System, man könnte auch sagen Weltbild.
Die Sichtweisen im Eva Prinzip sind simpel und schnell erklärt: es gibt Himmel und Erde, den Menschen und seinen Auftrag auf Erden. „Natürlich“ gibt es Mann und Frau, die nicht gleich sind, es auch nie sein werden. Dann gibt es da noch Ideologie und ihr gegenüberstehend die Wissenschaft und Biologie, Bindungsforschung und Psychologie. Sie sieht einen Zusammenhang zwischen der „Vermännlichung“ von Frauen, die zur Veränderung des weiblichen Hormonspiegels und somit zu Akne bei erwachsenen Frauen führt. Herman beschreibt die Kälte der verrohten, orientierungslosen Gesellschaft und setzt dagegen den sicheren und harmonischen Ort der Familie, wo sich einander liebende Menschen in ihre zugedachten Rollen fügen und eine vermeintlich bessere Welt erahnen lassen. Dies alles wird bedroht durch das Schreckensgespenst „Feminismus“ und einer seit Jahren betriebene Familienpolitik, die durch ein sozialistisches Menschenbild geprägt ist. Die ausgedacht anmutenden Begebenheiten aus ihrem Bekanntenkreis sichern ihre Prinzipien ab und scheinen ihrem Geschreibsel einen Hauch von Empirie zu verleihen, eine Vorgehensweise, die sie übrigens bei der herbei phantasierten Gemeinschaft der Feministinnen kritisiert. Im „Prinzip Arche Noah“ werden die Thesen noch einmal aufgegriffen und diesmal zwecks Rettung der Gesellschaft gestiftet. „ein Überlebensprinzip für eine Gemeinschaft der starken Bindung und des tiefen Vertrauens“.
Im Grunde wurden ihre schriftlichen Äußerungen vom Feuilleton in die Ecke gestellt, wo man sich fragt, warum Männer nicht zuhören und Frauen nicht einparken können und schließlich achselzuckend feststellt, dass die einen vom Mars und die anderen von der Venus stammen.
Hier liegt der Tenor „Männer und Frauen sind grundverschieden und das ist gut so“ in der Luft und die Dinge haben ihre Ordnung. Ob diese göttlich oder natürlich ist, bleibt dabei Glaubenssache.

Die wunderbare Welt der Werte
„Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder
wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauffolgenden 68er Bewegung abgeschafft wurde. Mit den 68ern wurde damals praktisch alles das, was wir an Werten hatten- es war ´ne grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle, -aber es ist damals eben auch das, was gut war, und das sind Werte, das sind Kinder,
das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt- das wurde abgeschafft.“ flötet sie eines Abends nach einer Buchpräsentation im medialen Focus.
Dieses, in der Presse teilweise verkürzt wiedergegebene Zitat brachte Frau Herman große Aufmerksamkeit ein. Nicht etwa, weil es verwundert, dass in ihrem Geschichtsverständnis
auf den Nationalsozialismus die 68er Bewegung folgte oder das „deutsche Volk“ angeblich ein verführtes, also vom Führer getäuschtes war. Auch nicht das gebetsmühlenartige Wiederholen von angeblich offensichtlich universellen Werten brachte Kritiker auf den Plan, sondern der Verdacht, Frau Herman hätte sich positiv auf die Familienpolitik der Nationalsozialisten bezogen.
Herman ließ nichts unversucht, sich gegen diesen Angriff zu wehren. Verweise auf ihre Mitarbeit an einem Projekt, welches sich „gegen rechts“ engagiert sowie auf die Abhandlungen des Nationalsozialismus im „Eva Prinzip“ und ein Auftritt in einer Fernsehsendung, (die für sie sehr ungünstig verlief, da sie sich in gewohnter Weise in Wiedersprüchen und Emotionen verhedderte), konnten das entstandene Bild nicht mehr rückgängig machen. Dies bringt eben jene Radikalen dazu, sich mit Frau Herman zu solidarisieren, was wiederum in der Öffentlichkeit so gewertet wird, dass die blonde, blauäugige Eva den Nachnamen Braun tragen könnte.
Aber sie taugt auch vielen zur Identifikationsfigur, denn sie ist ein Opfer und zwar in mehrerer Hinsicht: die Medien veranstalten eine schadenfrohe Hetzjagd um Auflagen und Einschaltquoten hoch zu treiben, was die naive Frau, die doch nur ihre Meinung sagen wollte, an den Rand der Belastbarkeit treibt. Sie ist ein Kind der Nachkriegsgeneration und hatte unter den Wirrungen der Studentenrevolte zu leiden. Kind und Karriere muss sie unter einen Hut bringen und hat zu dem noch drei gescheitere Ehen verarbeiten müssen.
Außerdem, nein vor alle dem, ist sie eine Mutter und somit geeignetes Sprachrohr für so viele, deren Stimme ungehört bleibt. Dann kommt noch die Sache mit dem demographischen Wandel dazu. Frau Herman spricht doch auch als Deutsche, die Angst hat, dass „wir Deutschen“ aussterben. Wo kämen „wir“ denn hin, wenn man das Problem einer Überalterung der Gesellschaft durch Zuwanderung abschwächen wollen würde? Vielleicht also, denken viele, sollte Frau es mit den Prinzipien der Eva mal versuchen. Möglicherweise ist sie eine geeignete Prophetin, welche die Zeichen der Zeit erkannt hat und fern von denen da oben die Notbremse ziehen wird.
Spätestens jetzt wird klar, dass die Thesen der Frau Herman nicht leichtsinnig in eine Ecke gestellt werden sollten. Was sie als Tabubruch ausgibt ist zwar bei genauer Betrachtung keiner und ihre Behauptungen lassen sich allesamt mit wenig Aufwand entkräften, zurück bleibt jedoch die ungute Gewissheit, dass die in Buchform gegossene Weltsicht der Eva Herrmann nicht erst seit gestern verbreitet ist und es in naher Zukunft noch sein wird.

Die leise Melodie der Natur oder die Geigen Gottes ?
„Wir Frauen sind, wie gesagt, anders als die Männer. Wir wurden vom Schöpfer mit unterschiedlichen Aufträgen in die Welt geschickt. Das weibliche Auge erkennt schneller, wo Hilfe nötig ist, wo jemand unsere Unterstützung braucht“ heißt es im Eva Prinzip auf Seite 49.
Ab Seite 60 versucht Herman, die am Anfang des Buches betont, sie sei keine Wissen- schaftlerin, zu belegen, dass sich in der Natur des Menschen Beweise dafür finden lassen, dass es gar keine andere Rollenverteilung als die traditionelle geben könne. Sie tut dies, indem sie von der „Wissenschaft“ und der „Biologie“ spricht, verschweigt dabei, dass es unterschiedliche Wissenschaftszweige und Hypothesen innerhalb der Disziplinen gibt, dass Wissenschaftler ebenfalls eine ideologische Brille tragen und macht an kaum einer Stelle Angaben darüber, auf welche Quellen sie sich bezieht und aus welchem Kontext diese stammen. Soziale und gesellschaftliche Faktoren, die das Verhalten des Menschen beeinflussen, spielen hier keine Rolle.
Der unkritische Leser muss sich mit einer Flut von Informationen konfrontiert sehen, die er nicht überprüfen oder hinterfragen kann und wird in die Falle tappen, welche geschickt aufgestellt wurde. Denn es scheint alles zu den Thesen von Herman zu passen, was erforscht und gemessen wurde: weibliche und männliche Hirnstrukturen sind verschieden, daraus ergeben sich unterschiedliche Fähigkeiten und Verhaltensmuster:“ Der Mann steht in der Schöpfung als der aktive, kraftvolle, starke und beschützende Part, die Frau dagegen als der empfindsamere, mitfühlendere, reinere und mütterliche Teil. In den zurückliegenden Jahrtausenden richtete die Menschheit ihre Lebensform nach dieser Aufteilung aus, die Rollen waren klar definiert.“ Es besteht scheinbar ein Zusammenhang zwischen dem Hormonhaushalt und geschlechtsspezifischem Verhalten beim Menschen (wofür , wie so oft, Beispiele aus der Tierwelt herhalten sollen). „Biologen wissen heute recht genau, wie sich der Hormonhaushalt von Frauen verschiebt, die männliche Verhaltensweisen übernehmen.“ und „das männliche Konkurrenzverhalten muss man deshalb auch als Ausdruck eines entsprechenden Hormonspiegels begreifen.“ Die zusammengetragenen vermeintlichen Fakten mag Herman als bahnbrechende Erkenntnisse verkaufen, neu sind sie nicht. Die Vermischung von himmlischer Schöpfung und Irdischem wirkt zwar etwas kurios und der kritische Leser fragt sich, ob die Autorin sich nicht zwischen Kreationismus und biologischem Determinismus entscheiden kann, die Argumentationsmuster sind jedoch so oder so bereits bekannt.
Bereits im Jahr1984 erschien das Buch „Not in our genes. Biologie, ideology and human nature“ der Autoren Lewontin (Zoologe), Rose(Neurobiologe) und Kamin (Psychologe). Das sechste Kapitel ist der Frage nach biologischen Geschlechtunterschieden und gesellschaftlicher Geschlechtertrennung und deren Begründung durch biologisch-deterministisches Denken gewidmet. Hier heißt es beispielsweise: „Die Beweisführung des biologischen Determinismus folgt einem inzwischen bekannten Muster. Am Anfang wird die „Evidenz“ angeführt, die „Tatsachen“ hinsichtlich der Unterschiede zwischen Männern und Frauen,… diese „Tatsachen“ werden nicht weiter in Frage gestellt und auf schon vorher bestehende psychische Tendenzen zurückgeführt, diese wiederum auf zugrunde liegende biologische Geschlechterunterschiede auf der Ebene von Hirnstrukturen oder Hormonen. Darüber hinaus verweist der biologische Determinismus auf Parallelen zwischen menschlichen Geschlechterunterschieden und solchen bei nicht-menschlichen Gemeinschaften- wie Primaten, Nagetieren, Vögeln und sogar Mistkäfern. Damit verleit er den Geschlechterunterschieden eine scheinbare Universalität, die alleine durch den Wunsch, es möge anders oder gerechter zugehen, nicht in Frage zu stellen ist. Biologische Gesetze brauchen nicht in Frage gestellt zu werden“. Genau aus dieser Trickkiste scheint das Eva Prinzip bedient worden zu sein.
Im Verlauf des Kapitels beschreiben die Autoren den „scheinbar wissenschaftlichen Anspruch, die gegenwärtige Geschlechterteilung in der Gesellschaft erklären zu können und zeigen auf, „ dass es sich dabei um eine systematische Auswahl und Fehldarstellung sowie eine unzulässige Verallgemeinerung handelt, voller Vorurteile und in dürftige Theorien verpackt. Weit davon entfernt, die Geschlechterteilung zu erklären, dienen diese ideologisch der Perpetuierung der Geschlechterunterschiede. Genauso wie die biologische Erklärung von Rassen und Klassenunterschieden im IQ zielt die biologische Erklärung gegenwärtiger Geschlechterrollen letztendlich auf die Rechtfertigung und Erhaltung des Status quo“… „ Alle Belege sprechen dafür, dass menschliche Kleinkinder -ausgestattet mit formbaren und anpassungsfähigen Gehirnen und einer großen Lernfähigkeit- soziale Erwartungen hinsichtlich ihrer eigenen Geschlechtsidentität sowie diesem Geschlecht angemessenen Aktivitäten entwickeln, und zwar unabhängig von ihrem genetischen Geschlecht und auch weitgehend unabhängig von ihrem Hormonspiegel (der selbst wieder durch soziale Einflüsse substanziell beeinflußt werden kann). Psychokulturelle Erwartungen formen die Geschlechtsrollenentwicklung auf eine tiefgreifende Art und Weise und lassen sich nicht auf die Chemie des Körpers reduzieren.“
Gelesen hat Eva Herman darüber wohl noch nichts, denn sie beklagt in einem ihrer Ratgeber „Das Glück vom Stillen“, dass man dem mütterlichen Instinkt erst einmal wieder aktivieren müsse: „Die Melodie der Natur, die aufgrund einer Jahrmillionen alten Erfahrung eigentlich wie von selbst anklingen müsste, wenn der neugeborene Säugling in unseren Armen liegt, wird immer leiser. … Bei den anderen Säugern, den Tieren, auch den Fischen und Vögeln, gibt es keinen industriellen Fortschritt, der das Denken beeinflusst und „Wissen“ schafft. …sie reagieren und agieren eigenständig aus einem Instinkt heraus. Und alles hat seine Ordnung.“

Mutter, Milch und Honigschlecken
In jenem Zustand der entwickelten Weiblichkeit den Herman profilieren möchte, lässt das „Bauchgefühl“ der Frau dann auch endlich jenen Wunsch wieder zu, der in der Sphäre der, von Konkurrenz und Berufschancen dominierten, öffentlichen Welt verdrängt wurde. Jede Frau möchte eigentlich Mutter sein. „ Sie (Stillberaterin) erzählte mir, dass viele Frauen, genau wie ich, verunsichert seien und die Einrichtung „Mutterinstinkt“ heutzutage meist nicht mehr wie selbstverständlich funktioniere.“ schreibt Herman in „Das Glück vom Stillen“. Hier wird deutlich, was im Alltagsbewusstsein vieler Menschen verankert ist und an was Evas Prinzip nur noch anknüpfen muss: mütterliche Fürsorge wird durch Instinkte gesteuert. Instinkt ist etwas Natürliches und kann gar nicht falsch sein. Frauen bekommen schon immer Kinder, also sind sie schon immer und überall Mütter.
Das stimmt so jedoch nicht. Barbara Vinken (Professorin für Romanistik) analysiert in Ihrem Buch „Die deutsche Mutter, Der lange Schatten eines Mythos“ genau diese Ideologie: „Die deutsche Mutter, so meine These, ist ein altehrwürdiges Produkt des Protestantismus. Ihre Wiege ist die Reformation. Sie trat in dem Moment in die Welt, indem die Religion begann, sich von einer heiligen, mit dem Jenseits beschäftigten Sache auf ethische , innerweltliche Angelegenheiten zu verlegen und zur bloßen Moralunterweisung zu werden. Von diesem Zeitpunkt an profilierte sie sich gegen die weltlich herrenlose weibliche Liebe, wie sie in der Nonne, der Aristokratin und später der Arbeiterin verkörpert ist…. Die Schicht, die sie (die Mutter) zum Triumph führte, war das Bürgertum.“ Vinken sieht es als erwiesen, dass Mutterschaft auch heute noch zu einem Leitmotiv gemacht wird, weil sie sich mit der Vorstellung einer vollkommenen Partnerschaft verbinden lässt, „in der der wilden Welt des Wettbewerb die Idylle der Kleinfamilie entgegengestellt wird.“ Der Rückzugsraum der Mutter-Kind-Beziehung bildet so ein „Reservat der Menschlichkeit. Pädagogik und Psychologie liefern als vorläufig letzte Ausformung des Protestantismus die Legitimation für diesen Rückzug.“… „Für Luther wie später für Rousseau und Pestalozzi fing die Reformation mit einer Reformation der Familie an, die sich auf frühere, bessere zustände berief.
Martin Luther sorgte dafür, dass die Ehefrau und Mutter als die gottgefälligste Existenzform der Frau, die sich keusch dem Manne unterordnet, gesehen wurde. Die Reformation legte die Natürlichkeit von Geschlechterrollen fest und befestigte gleichzeitig ihre gottgewollte Hierarchie. Von nun an konnte die Frau dem Mann nicht mehr überlegen sein, was für einige Frauengestalten im Mittelalter durchaus noch galt. Politik wurde im achtzehnten Jahrhundert zu Geschlechterpolitik und die Institution Mutter geriet zum Dreh- und Angelpunkt für Reformbewegungen und Gesellschaftsverträge. Für Rousseau hing am Stillen die Begründung dafür, dass die Gesellschaft nicht nach Ständen sondern nach Geschlechtern getrennt sein müsse, denn die Mutter müsse sich dem Rhythmus des Kindes unterwerfen und könne so nicht in der Gesellschaft verkehren. Pestalozzi dagegen wollte den Adel -und dessen pervertierte Vorstellung von Weiblichkeit- reformieren und gab den ans Haus gefesselten Müttern eine Aufgabe, indem er sie zu Erzieherinnen machte. Sie alle, Luther, Rousseau und Pestalozzi galt eine Welt, in der nicht die Kindererziehung im Mittelpunkt steht, als pervertierte. Luise von Preußen, eine Führsprecherin Pestalozzis, diente als Vorbild für einen neuen Staatsvertrag, indem sie vorlebte, dass Geschlechterhierarchie über Ständehierarchie gehe, indem sie, die Königin von Preußen, sich auf das Haus beschränkt, sich ihrem Ehemann unterordnet und vorbildlich ihre Kinder liebt. Auch die Frauenbewegung in Deutschland zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts betonte die Unterschiede der Geschlechter und prägte eine Mütterpolitik. Das an sie geknüpfte Heilsversprechen wurde in der Gesundheit und Funktionstüchtigkeit des Volkskörpers verankert. Die Beziehung zwischen Mutter und Kind wurde zur wahren Liebesbeziehung und lief der Ehe, die als illegitime, patriarchale Vorherrschaft gewertet wurde, den Rang ab. Kinderlose Frauen sollten einen Beruf erlernen, der es zuließ, dass sie ihre Mütterlichkeit verwirklichen können. Die Mutter galt vielen nun
Erstmals als selbstbestimmtes Subjekt, da Kinderkriegen nicht reines biologisches Geschehen, sondern ein Werk, ihre Schöpfung sei. Im Nationalsozialismus kämpften die Mütter schließlich für den Erhalt der reinen Rasse. Die Zucht des Volkskörpers fiel in eins mit der Familie, welche zur Brutstätte dessen und institutionell praktisch bedeutungslos wurde. Die im Opfertod für das Dritte Reich gefallenen Söhne sollten in die Muttererde eingehen, um dort ewig weiterzuleben. Natur und religiöse Vorstellungen fallen in der nationalsozialistischen Mutter zusammen, denn sie schenkt der Rasse ewiges Leben, indem sie ein Kind gebiert.
Trotz dieser nationalsozialistischen Mutterreligion sollte auch im Nachkriegsdeutschland der Mütterlichkeit ihr Recht geschaffen werden. Die von mütterlichen Werten bestimmte Familie stand nun wieder gegen die Gesellschaft und existiert bis heute fort. Auch der Studentenbewegung1 und den Feministinnen ist es nicht gelungen, diese gesellschaftlich zementierten Strukturen zu zerbrechen. Die bundesdeutsche Familienpolitik zeichnet sich dadurch aus, dass sie nie konsequent auf Kinderbetreuung sondern stets auf Teilzeitarbeit und partnerschaftliche Umverteilung innerhalb der Familie setzte und ging damit einen deutschen Sonderweg. Vinken schreibt dazu: „Statt sich für Ganztagskrippen und Ganztagsschulen einzusetzen, streitet man sich hierzulande nicht erst seit den sechziger Jahren, sondern seit dem sechzehnten Jahrhundert so ergebnislos wie unverdrossen, wer die Kinder wickeln soll.“
Die Zauberformel, die in diesem Zusammenhang das außerhäusliche Verkehren der Mutter verhindern soll -und auch von Herman immer während in die Debatte eingebracht wird-, ist die Bindung des kleinen Kindes an die Mutter. Hier wird versucht nachzuweisen, was längst wiederlegt ist, nämlich das ein Kind nur in der führsorglichen Obhut seiner Mutter gedeihen kann, weil es sonst geschädigt und beziehungsgestört den Rest seines Lebens daran zu leiden hat, dass es in fremde Hände gegeben wurde. Daraus erklärt sich, weshalb Deutschland in Sachen Kinderbetreuung im internationalen Vergleich als Entwicklungsland gelten muss. Herman behauptet dagegen, es sei „politisch korrekt geworden, dass Kinder unter drei Jahren in Einrichtungen betreut werden.“ Jedoch in keinem anderen europäischen Land ist das Misstrauen und die Ablehnung von Krippen und Ganztagesplätzen so stark wie in der BRD, obwohl es keine empirischen Belege dafür gibt, dass die Kinder, die außerhalb des deutschen Kinderparadies aufwachsen, bindungsgestört und unglücklich sind.
Nicht nur der Kinderarzt und Autor Remo Largo weiß mittlerweile, dass die Mutter diese vielfach beschworene Schlüsselrolle für das kindliche Bindungsverhalten nicht automatisch innehat. Ein Kind baut zu derjenigen Person eine Bindung auf, die sich kontinuierlich und seinen Bedürfnissen angemessen um es kümmert. Dies kann durch die Mutter, den Vater aber auch andere Personen geschehen. Darüber hinaus entscheiden die ersten Jahre der Bindungserfahrungen nicht in jenem, von Herman angeführten Maße über den weiteren Lebensverlauf. Sie sind ohne jeden Zweifel wichtig für das wachsende Individuum, werden aber durch spätere soziale Erfahrungen bereichert und können sogar gezielt aufgearbeitet werden.
Schwieriger aufzuarbeiten sind dagegen die narzisstischen Kränkungen, die einige Mütter erfahren, wenn sie gewahr werden, dass ihr Kind vertrauensvolle Beziehungen zu einer anderen Person aufbaut und somit die Mutter-Kind-Symbiose aufkündigt.

Der Kampf der Geschlechter
„Die Notwendigkeit der berufstätigen Frau in Frage zu stellen ist eines der letzten Tabus unserer aufgeklärten, debattierfreudigen Gesellschaft.“ tönt es im Eva Prinzip und „Die Selbstverwirklichung ist oft nur ein Deckmantel für egoistische Alleingänge oder wirtschaftliche Zwänge, bei denen erst die Familie auf der Strecke bleibt und dann die Frau selber.“ und „Schließlich erkannte ich, dass wir Frauen umso weniger Kompromisse eingehen können, je stärker wir uns dem Prinzip der Selbstverwirklichung zuwenden.“
Frauen, welche bewusst auf Familie verzichten oder karrierebewusst sind, treten in Hermans Welt nur als traurige Gestalten auf, die mit zusammengebissenen Zähnen stets um ihren Vorteil kämpfen und im Restaurant schon mal zu „Dragonern“ mutieren. Die angestrebte Selbstverwirklichung durch Arbeit wird hier zu einer Abhängigkeit von Selbst- und Fremdbestätigung, der freilich nur die Frauen unterliegen.
Das dahinter stehende Bild ist eindeutig: Frauen, die sich auf die Spielregeln der männlichen Berufs- und Konkurrenzwelt einlassen, sind entweder gar nicht mehr auf die weiblichen Tugenden bedacht oder sie müssen scheitern. Hermans Fazit ist simpel: Frauenarbeit ist Familien- und Heimarbeit.
Diese Einstellung ist, wie bereits skizziert, keine neue. Der Arbeitsmarkt ist trotz zahlreicher Unmutsbekundungen und Reformen immer noch größtenteils nach Geschlechtern separiert
Woher Frau Herman da den Eindruck gewinnt, die Familienpolitiker der BRD hätte ein sozialistisches Menschenbild, bleibt schleierhaft. Im Gegensatz zu den Frauen in der BRD konnten die Frauen in der DDR nach der geburt eines Kindes schnell wieder in Ihren Job einsteigen und auf ein gut Ausgebautes Betreuungssystem zurückgreifen. Die Kritik an den angeblich verheerenden Zuständen, die dort geherrscht haben sollen, formulierten vor Herman schon andere( siehe Hans Joachim Maaz „Gefühlsstau“). Nach einer eingehenderen Bestandaufnahme wird jedoch schnell deutlich, dass dieses Buch „in überfüllender Anpassung bundesdeutsche Ideologie in Reinform darbietet“ (Vinken).
Frauen in der BRD werden, auch für die selbe Tätigkeit, schlechter bezahlt als Männer und bekommen keine gleichwertigen Verträge, sind häufiger arbeitslos und haben kaum Aussichten darauf, Karriere zu machen, obwohl sie heute fast genauso qualifiziert sind wie ihre Kollegen. Nach wie vor hängen sozialer Status und gesellschaftliche Eingriffsmöglichkeiten jedoch an der beruflichen Karriere Der ungebrochene Wunsch nach Teilzeitarbeit ist bei Frauen mit Kindern stark ausgeprägt, weil sie annehmen, sie müssen sich sonst zwischen Kind und Beruf entscheiden, aber kaum eine dieser Teilzeitstellen bieten Aufstiegschancen. Es ist nach wie vor eine absolute Ausnahme, dass Männer ihren Anspruch auf Erziehungsurlaub ausschöpfen. Außerdem wird die Wirtschaftgemeinschaft Ehe durch zahlreiche Vergünstigungen und Bestimmungen in Deutschland gefördert und hält die Ehefrauen in vielen Fällen dadurch in finanzieller Abhängigkeit. (vgl. dazu B.Vinken)
Das Dilemma, in dem Frauen aufgrund all dessen immer noch stecken, wird von Eva Herman mit dem Wunsch beantwortet, das Rad der Geschichte zurück zu drehen. Sie sieht auch keine Ungerechtigkeit darin, dass Mensche männlichen Geschlechts ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Fatal ist es für sie nur dann, wenn Frauen, also potentielle Mütter sich versklaven lassen. Stattdessen befürwortet sie das, was zahlreiche Mütter in Deutschland sowieso schon tun: sie organisieren ihr eigenes Leben um das ihrer Kinder herum, verfallen in Bastelfieber und Gestaltungswahn in der Kita oder Grundschule des Sprösslings, überfrachten sich selbst und das Kind mit Ängsten vor der fremden Welt und festigen in den Augen der nächsten Generation ein typisches Bild von Männlichkeit und Weiblichkeit. Das alles tun sie im Namen der Berufung, wenn sie schon keinen Beruf ausüben sollen.
Die von Herman beklagte Feminisierung der Erziehung und daraus resultierende Unterdrückung von männlichen Verhaltensweisen bei Jungen, weil im Elementarbereich überwiegend Frauen arbeiten, beantwortet sie selbstredend nicht mit der Forderung nach mehr männlichem Fachpersonal. Das würde sich mit ihrer Vorstellung von männlichen Fähigkeiten ja auch nicht formulieren lassen.

Weib, schweig still!
Eva Herman beharrt stur auf ihrer dichotomen Sicht von gut und böse, richtig und falsch, Werten und Traditionen und vertritt ein Weltbild, das nahe legt, sich in Konventionen und Klischees einzurichten. Es sei ihr selbst überlassen, sich für den Rest ihres Lebens in ihr Idyll zurück zu ziehen; möge sie doch nur endlich aufhören, den Büchermarkt mit ihrer reaktionären Selbstdarstellung zu versorgen und statt dessen ein Tagebuch führen oder Stillberaterin werden und sich ansonsten tugendhaft in weiblicher Zurückhaltung üben.
Die Kritik an den Verhältnissen kann sie getrost anderen überlassen, deren Ziel nicht die Befreiung der Frau von der schrecklichen Welt ist, sondern dass diese Welt keine schreckliche mehr ist. Und das ist weder mit Gott, noch mit der Familie und schon gar nicht den Deutschen zu schaffen, sondern nur mit Menschen, die sich als Individuen gegenüber stehen und für ihre Interessen kämpfen.
Eva Herman und ihre Claqueure unterschiedlicher couleur, bringen die Idee der Familie in Anschlag gegen die „Zumutungen“ von Zivilisation und Kapitalismus. Das Konzept von Blut das sich in der Familie ausdrückt, d.h. das Denken in Kategorien von Stamm und Clan, soll die bürgerlich-abstrakten Verkehrsformen, die der Kapitalismus mit sich brachte, außer Kraft setzen bzw. gegen diese in Opposition gebracht werden.
Die Familie – in sich nichts weiter als ein repressives Zwangskollektiv, dass auf dem Gedanken des Blutes beruht – wird verstanden als antikapitalistischer Moment; eine Vorstellung in der sich romantische Antikapitalismusphantasien sei es von linker, rechter, christlicher oder islamischer Seite wieder finden.
Wenn Eva Herman dann den Individualismus geißelt, dessen Ausprägung in Deutschland eh nur sehr gering ist, wird deutlich wohin die Stoßrichtung Eva Hermans und ihrer (heimlichen) Verehrer geht oder besser gesagt gegen was sie letztendlich geht und zwangsläufig gehen muss. Denn in der Ablehnung und im Hass auf den Individualismus spiegelt sich der Hass auf den Liberalismus wieder, dessen Idee die der (freien) Entfaltung des Individuums und der Sicherung dessen ist. Diese Ablehnung des Liberalismus beinhaltet auch stets die Ablehnung der Aufklärung, die den Menschen aufgezeigt hat, dass ihre Unmündigkeit selbst verschuldet ist und dass ein Heraustreten aus dieser und damit auch aus (Zwangs-)Kollektiven wie Volk und Familie möglich ist.
In dem von Eva Herman und ihren Fans hochgehaltenen Bild der Familie bricht sich letztendlich der Wunsch nach (Zeiten von) Horde und Stamm seine Bahn.

  1. Wurde doch auch gerade in den Verfallsprodukten der Studentenbewegung wieder bzw. immer noch die Familie in Anschlag gegen den Kapitalismus und seine Verkehrsformen gebracht, was sich in Landkommunen und ähnlichem zeigte. [zurück]
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Auschwitz ist überall?

30. Juni 2007

Anläßlich der Filmvorführung des Filmes „Earthlings“, die in den Räumlichkeiten der Cafeteria der FH Giessen stattfand und von der „Tierrechtsgruppe Giessen“ organisiert war, entstand folgendes Flugblatt; eine pdf-Version des Flugblattes gibt es hier

AUSCHWITZ IST ÜBERALL?…ÜBER DIE REGRESSIVEN TENDENZEN DES FILMS „EARTHLINGS“ UND SEINER ENTHALTSAMEN BEWUNDERER
1000mal schon kritisiert scheint doch der sogenannte „KZ- Vergleich“ mancher Tierrechtler liebstes Steckenpferd zu sein. „Earthlings“ ist nicht das Erste und bei weitem nicht das einzige Material, das gebraucht wird, um für eine tierliebere, bessere Welt zu werben, das sich einer Holocaustrelativierung als stilistischem Element bedient. Immer wieder scheint es den Initiatoren von Kampagnen angemessen zu sein, die Verbrechen, die von Deutschen und ihren Helfern an Jüdinnen und Juden begangen wurden, mit der Aufzucht und Schlachtung von Tieren gleichzusetzen.

Das Tier wie du und ich – Ein Nazi wie du und ich?
Die Gleichsetzung, die der Film „Earthlings“ und andere Kampagnen der Tierrechtsbewegung nutzen, um die Zustände in den Schlachthöfen dieser Welt noch dramatischer erscheinen zu lassen, ist eine Beleidigung und Verhöhnung der Opfer von deutschen Vernichtungslagern. In einem Bild die Grauen des Konzentrationslagers Auschwitz. Ein paar Sequenzen weiter, aus der gleichen Perspektive aufgenommen, eine Rinderzucht.
In nur einer Sekunde wird Auschwitz seines politischen Hintergrunds beraubt und steht mit einem Mal in einer langen Reihe von vielen „Greueltaten“. Die Tatsache, dass der Holocaust gegenüber den täglichen Schlachtungen und den stetig betriebenen Legebatterien an Bedeutung verliert, ist gewollt und ebnet so den Weg zur eingängigen Gleichung der Macher solcher Kampagnen.
Das Tier durchlebt die selben Schrecken wie die Opfer des NS und der Aufschrei der Tierfreunde bleibt aus, obwohl an Hand von Bildern, die vermeintlich Ähnliches zu zeigen scheinen, der Beweis für eine eindeutige Parallele angeführt wird. Ohne weitere Erläuterung sieht man andere Verbrechen, die sich ebenso nahtlos in die Holocaust Liste einfügen, von Frauen und Kindern, die ebenfalls mit denen an Tieren gleichauf stehen sollen. Wehrlose Opfer sollen dies versinnbildlichen, die der Willkür von Stärkeren schutzlos ausgeliefert sind.
So wird der Schlachthof, von dieser Seite betrachtet, zur Stätte unsinniger und grundloser Tötungen von Tieren und gleichzeitig auch in ein für Tierrechtler genehmes Licht gerückt.
Für die Betrachter der Bilder wird alles, was sich verwursten lässt durch den Wolf gedreht und ihnen als verklebender Brei ins Gewissen geschüttet.
Allein die Tatsache, dass Schlachthöfe als Teil des kapitalistischen Systems fungieren und den Markt mit zu Waren verarbeiteten Nutztieren speisen, Auschwitz dagegen ein Vernichtungslager war, das den ausgemachten Feind, die Juden, auslöschen sollte, fehlt.

Juden gegen Metzger – wir brauchen jüdische Kronzeugen
Wie Isaac Bashevis sind auch Tony Judt, Noam Chomsky, Uri Avnery oder Norman G. Finkelstein nicht irgendwelche Personen, die Israel kritisieren, sie sind selbst Juden und diese können wohl – der gängigen Meinung nach – schlecht Antisemiten sein oder Antisemiten zuspielen, obwohl sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit das Gegenteil unter Beweis stellen. Gerade deshalb werden ihre „kritischen Äußerungen“ mit Vorliebe –bis hinein in die nationalsozialistische NPD, welche schon mal gerne Avnery zitierte- verwendet, wenn es um Israel geht. Als jüdisches Alibi dienen deshalb die getätigten Aussprüche von Bashevis, der selbst als polnischer Jude die Entwicklungen und die Zuspitzung der Judenverfolgung in einem jüdischen Armenviertel miterlebte.
In „Earthlings“ kommt der Autor zu Wort, welcher in der Tierrechtsszene kein Unbekannter ist. „Wenn es um Tiere geht“, wird laut Bashevis „jeder zum Nazi. …. Für Tiere ist jeden Tag Treblinka.“. Für den Großteil des Publikums bedeuteten diese Art Aussagen wohl den endgültigen Startschuss zum allgemeinen Aufatmen. Wenn selbst ein Jude nicht Anstoß nimmt, sogar selbst diese Vergleiche als absolut angemessen empfindet, wird wohl etwas Wahres dran sein. Natürlich wäre die Anzahl derer, die für diese Zwecke geeignete Aussagen verbrochen haben deutlich länger, müsste man sich nicht schon im Vorhinein dem Vorwurf erwehren, antisemitische Inhalte zu vertreten und sich deshalb auf die vermeintlich abgesicherte Person beschränken.

Eine theoretische Betrachtung – Warum Schlachthöfe nichts mit Auschwitz gemein haben!
Die unsägliche Rede von „Tier-KZs“ und von „Holocaust auf dem Teller“ ist zum Großteil „bereits in der reduktionistischen Vorgehensweise angelegt, für den Vergleich [von Auschwitz und Tierschlachtung] ausschließlich die Phänomene des Holocaust und der Massenschlachtung von Tieren zu berücksichtigen, ihr Wesen jedoch außer Acht zu lassen.“ (Witt-Stahl). Denn wäre auch nur ansatzweise versucht worden, zu durchdringen was die Shoah -und damit Auschwitz als Sinnbild dessen – war, so wäre doch ziemlich umgehend die Unglaublichkeit dieser Gleichsetzung zu Tage getreten. So aber wurde die Vernichtung der Juden ihres Kontextes beraubt (der Antisemitismus, dessen eliminatorischer Anspruch in Auschwitz offen zu Tage trat, wird dabei ebenso geflissentlich ausgeblendet) und die Shoah wird als eine ethisch-moralische Problemstellung begriffen.

In den Juden zeigt sich für den Antisemiten die Gegenrasse, das negative Prinzip als solches innerhalb des Denkens in Kategorien von Rasse, Volk und Nation (vgl. Horkheimer 2001, 177). Aus dieser Konsequenz und mit den damit unmittelbar verbunden Zuschreibungen, die Juden und Jüdinnen gemacht werden, speist sich das Verlangen und das entsprechende Handeln des Antisemiten, denn „von ihrer [der Juden] Ausrottung soll das Glück der Welt abhängen“ (Horkheimer 2001, 177) 1. Auschwitz und die anderen Lager der Vernichtung waren Todesfabriken, deren Zweck darin bestand alle Juden und Jüdinnen, derer die Deutschen habhaft werden konnten, auszumerzen; und nicht nur ihre Körper, sondern ebenso ihre gesamte Kultur sollte total vernichtet werden; nichts mehr sollte an die Juden und ihre (ehemalige) Existenz erinnern.

Der Antisemitismus beruht auf (falscher) Projektion(en) (vgl. Horkheimer 2001, 196). Der Antisemit formt das Bild des Juden und im Bild des Juden was die Antisemiten „vor der Welt aufrichten, drücken sie ihr eigenes Wesen aus.“ (Horkheimer 2001, 177), ihre eigenen Gelüste, die sie nicht ausleben können und derer sie sich nicht gewahr werden wollen. „Den Juden mit dieser ihrer Schuld beladen, als Herrscher verhöhnt schlagen sie ans Kreuz, endlos das Opfer wiederholend, an dessen Kraft sie nicht glauben können.“ (Horkheimer 2001, 177).
Der Antisemit sieht in seinem Opfer – dem Juden – stets noch den Verfolger, „von dem er verzweifelt sich zur Notwehr treiben ließ, [denn selbst] die mächtigsten Reiche haben den schwächsten Nachbarn als unerträgliche Bedrohung empfunden, ehe sie über ihn herfielen“ (Horkheimer 2001, 196).
Die dem derzeitigen System der Vergesellschaftung – dem Kapitalismus – zugrunde liegende Struktur ist die Warenförmigkeit, die einzelne Ausdrucksform dessen die Ware (vgl. Marx 1966, 49); erst im Kapitalismus und durch sein ihm immanentes Prinzip des Tausches nimmt die Ware eine solch zentrale Stellung im Prozess der Vergesellschaftung ein. Das Wesen der Ware zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass sie einen – ihr immanenten – Doppelcharakter besitzt; die einzelne Ware besitzt sowohl einen Tausch- als auch einen Gebrauchswert. Der Gebrauchswert bestimmt sich in und durch die Nützlichkeit eines Dinges: dies bedeutet ebenso, dass der Gebrauchswert sich eben nur im Gebrauch des Dinges oder in der Konsumtion dessen verwirklicht. Der Gebrauchswert tritt in stofflicher Form auf und bildet dadurch in der warenförmigen Vergesellschaftung den stofflichen Träger des Tauschwertes (vgl. Marx 1966, 50). Dieser wiederum ist eine gesellschaftliche Bestimmung, die aus der ökonomischen Form der Warenförmigkeit und damit verbunden dem Prozess des Tausches entsteht (und erst im Akt des Tausches konstituiert er sich) (vgl. Marx 1966, 53); dadurch ist er zwar einerseits allgegenwärtig, aber andererseits abstrakt und nicht greifbar (vgl. Grigat 2002, 5). Die Zuschreibungen, die der Antisemit den Juden und Jüdinnen macht, sind deckungsgleich mit den Charakteristika des Tauschwertes. Dieser Prozess erreicht seinen grausamen Kulminationspunkt in der Shoah. Moishe Postone schreibt diesbzgl.: „Eine kapitalistische Fabrik ist ein Ort, an dem Wert produziert wird, der ’unglücklicherweise’ die Form der Produktion von Gütern annehmen muß. Das Konkrete wird als notwendiger Träger des Abstrakten produziert. Die Vernichtungslager waren demgegenüber keine entsetzliche Version einer solchen Fabrik, sondern müssen eher als ihre groteske arische ‘antikapitalistische’ Negation gesehen werden. Auschwitz war eine Fabrik zur ‘Vernichtung des Werts’, das heißt zur Vernichtung der Personifizierung des Abstrakten. Sie hatte die Organisation eines teuflischen industriellen Prozesses mit dem Ziel, das Konkrete vom Abstrakten zu ‘befreien’. Der erste Schritt dazu war die Entmenschlichung, das heißt die ‘Maske’ der Menschlichkeit wegzureißen und die Juden als das zu zeigen, was ‘sie wirklich sind’, Schatten, Ziffern, Abstraktionen. Der zweite Schritt war dann, diese Abstraktheit auszurotten, sie in Rauch zu verwandeln, jedoch auch zu versuchen, die letzten Reste des konkreten gegenständlichen ‘Gebrauchswerts’ abzuschöpfen: Kleider, Gold, Haare, Seife. Auschwitz, nicht die ‘Machtergreifung’ 1933, war die wirkliche ‘Deutsche Revolution’ – die wirkliche Schein-‘Umwälzung’ der bestehenden Gesellschaftsformation. Diese Tat sollte die Welt vor der Tyrannei des Abstrakten bewahren.“ (Postone 2005, 193).
Tiere hingegen sind in der kapitalistischen Produktionsweise, in der sie als Ware gelten, nun mal gleichzeitig Gebrauchs- und Tauschwert und wie jede Ware damit dem Prinzip des Tausches unterworfen. Die Schlachthöfe sind somit keine Fabriken zur Vernichtung des Wertes, in ihnen findet keine Vernichtung der Personifizierung des Abstrakten statt; in den Schlachthöfen findet eine (Weiter-)verarbeitung von Gebrauchwert statt, mit der Absicht, dadurch später Tauschwert zu realisieren. Wie in jeder (kapitalistischen) Fabrik o.ä. kann der Kapitalist durch die zugesetzte menschliche Arbeitskraft einen Mehrwert, den er sich aneignet, erzielen. Der Schlachthof ist in dieser Hinsicht, in seiner ihm eigenen Verfasstheit somit einer (kapitalistischen) Fabrik vergleichbar und er ist eben nicht die „groteske arische ‘antikapitalistische’ Negation“ der Fabrik, wie Postone die KZs beschreibt, deren Ziel es, war das Konkrete vom Abstrakten – durch die Vernichtung der Personifizierung dessen – zu ‘befreien’ (vgl. Postone 2005, 193).

Diese Gleichsetzung (von Auschwitz und Schlachthof) impliziert ebenfalls die „Entschuldung“ der Deutschen und deren Projekt zur Vernichtung der Juden; denn wenn tagtäglich sich Auschwitz wiederholt und v.a. in dieser Logik Auschwitz ja tagtäglich, Jahrhunderte lang in den Schlachthöfen vorweggenommen wurde, wo liegt in dieser Logik dann noch die spezifische Schuld der Deutschen? Die Shoah wird somit nivelliert, sie wird zu einem alltäglichen Verbrechen.
Denn in dieser Denkweise ist dann letztendlich alles Holocaust, sei es der „Bomben-Holocaust“, wie nationalsozialistische Deutsche die Bombardierung Dresdens durch die Royal Airforce im Rahmen ihres antifaschistischen Kampfes gegen Deutschland nennen; sei es der „Baby-Holocaust“, wie christliche Deutsche Abtreibungen benennen; sei es der „atomare Holocaust“, den friedensbewegte Deutsche in den 1980ern Jahren als Sinn und Zweck der amerikanischen (oder – eher seltener – aber wahlweise auch der sowjetischen) Aufrüstung sahen. Im Vergleich wird der Holocaust ein Holocaust unter vielen, Auschwitz ein Ort des Schreckens unter vielen anderen (Schlachthöfe, Abtreibungskliniken, Raketensilos usw.) und somit auch Deutschland eine (gleiche) Nation unter vielen anderen. Das Spezifische der deutschen Vergangenheit – und damit die spezifisch deutsche Geschichte – wird somit aus der Geschichte, aus dem Erinnern getilgt und damit wird der nationalsozialistische Massenmord eingeordnet in ein Jahrhundert des Schreckens.

„Auschwitz liegt nicht am Strand von Malibu und auch nicht auf unseren Tellern. Es war eine deutsche Todesfabrik, die von deutschen Mörderbanden auf polnischem Boden errichtet worden war.“ (Witt-Stahl)

comité liberté, im Dezember 2007.

Grigat, Stephan 2002: „Zu Struktur und Logik des Antisemitismus. Eine Einführung.“ in: Gruppe Morgenthau und AK Kritische Theorie FH Frankfurt (Hg.): „Deutsche Projektionen – Zur Kritik antisemitischer Weltbilder.“, o. O., S. 5-9.

Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W. 2001: „Dialektik der Aufklärung – Philosophische Fragmente“, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M..

Marx, Karl 1966: „Das Kapital – Erster Band“, Dietz Verlag, Berlin.

Postone, Moishe 2005: „Antisemitismus und Nationalsozialismus“ in ders.: „Deutschland, die Linke und der Holocaust – Politische Interventionen“, ca ira, Freiburg im Brsg., S. 165-194.

Witt-Stahl, Susann: http://tan.pflanzenmoerder.de/texte/petakritik.html

  1. Für den Fleischkonsumenten hängt nicht das Glück der Welt davon ab, alle Tiere auszurotten, vielmehr ist das Gegenteil der Fall: für den Fleischkonsumenten wäre die Ausrottung aller Tiere das Unglück schlechthin, denn dies würde ja seinen Konsum verunmöglichen. [zurück]
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Zur Kritik an Antikapitalismus und Globalisierungskritik

Anläßlich der geplanten NPD-Demonstration am 7.7. in Frankfurt a.M. und der zu erwartenden Gegenaktivitäten, wurde das Flugblatt „Zur Kritik an Antikapitalismus und Globalisierungskritik“ geschrieben. Als pdf-Datei gibt es das Flugblatt hier

Zur Kritik an Antikapitalismus und Globalisierungskritik

„Ganz klein am Horizont kann man dinge sehen- dinge die wir nicht verstehen“

Die Linke in Deutschland scheint schier zu verzweifeln- die Nazis klauen den StreiterInnen für eine bessere Welt ihren Antikapitalismus und marschieren wie heute in Frankfurt oder anderntags von Berlin bis Scheisshausen gleich in Mannschaftsstärke auf, um gegen den „Tummelplatz der Heuschrecken“ (NPD-Aufruf) – gemeint ist hier die Frankfurter Börse- oder für die Erhaltung des „Sozialsystem(s) für deutsche“ ( ebd .) zu demonstrieren. Von den meisten Linken wird der Antikapitalismus der Nazis – etwa in Form der antikapitalistischen Kampagne von NPD und freien Kameradschaften – ganz empört als ein Adaptieren linker Inhalte wahrgenommen und statt einer kritischen Überprüfung der eigenen Agenda der Kapitalismuskritik werden den Nazis – statt sie beim Wort zu nehmen, wenn sie von einem nationalen Sozialismus schwadronieren- gänzlich andere Absichten unterstellt. Etwa ein neuerlicher Versuch, die Ängste der Menschen vor sozialem Abstieg zu schüren und diese dadurch für das barbarische Programm der Nazis zu funktionalisieren. Davon mal abgesehen, dass selbst ein Hartz4- Abhängiger aus der tiefsten Provinz- ganz gleich ob diese Schwedt, Wurzen oder Butzbach heißt- immer noch selbst entscheidet, ob er das „braune“ Programm der Nazis wählt oder sich für eine Welt freier Menschen zu begeistern vermag.
So sollte der Antikapitalismus der Nazis seit der „antikapitalistischen Revolte“ ( Moishe Postone ) eben durch diese in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts für jeden nicht gänzlich geschichtsvergessenen Menschen auch nichts Neuartiges darstellen.
Man muss ebenso zur Kenntnis nehmen, dass sozialstaatliche Standards in Deutschland keinesfalls gegen die Herrschaft erkämpft wurden: der deutsche Sozialstaat wurde durch Bismarck im Kaiserreich installiert, um SPD und Gewerkschaften den Wind aus den Segeln zu nehmen. Später im Nationalsozialismus wurde die Volksgemeinschaft realisiert und fand ihren Ausdruck in einem Wohlfahrtsstaat mit Kraft durch Freude, Vollbeschäftigung und Volkswagen für die Volksgenossen.
Die heuer in sozialdemokratischen Kreisen von SPD bis die Linke beliebte und von den Nazis ausgegebene Parole „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ verdeutlicht in wenigen Worten den Wunsch der Deutschen nach Gemeinschaft und Nestwärme unter Ihresgleichen – welche schon einmal in dem wohligen Schoß der Volksgemeinschaft erfahren wurden, der zugleich Zuflucht vor den „Zumutungen“ der Zivilisation und der Mündigkeit des Einzelnen bot . Im Nachkriegsdeutschland blieb der korporatistische Geist erhalten und transformierte sich in der postnazistischen Gesellschaft- so ist die BRD einer der Staaten mit den wenigsten Streiks weltweit , bietet jedoch dennoch ein umfassendes Wohlfahrtssystem, welches sicherlich nicht durch die angeblich so kämpferische Arbeiterklasse erstritten wurde. Der materielle Wohlstand, auf den der BRD-Sozialstaat aufgebaut wurde, verdankt diese Gesellschaft übrigens zu nicht unerheblichem Teil dem Modernisierungsschub der Nazis, d.h.: durch Arisierung, Zwangsarbeit, Krieg, der korporatistischen Formierung der Gesellschaft als Volksgemeinschaft und Vernichtung.

„was sein muss das muss schließlich sein“

Schaut man sich die zahlreichen Verlautbarungen der Antikapitalisten in den letzten Monaten an, welche vor allem zum G8- Gipfel in Heiligendamm verfasst wurden, so vermag der allergrößte Teil davon bei aufgeklärten Menschen schieres Entsetzen hervorgerufen haben; nicht jedoch bei großen Teilen der marginalisierten Linken, aus deren Reihen so manch skurrile Äußerung kam.
Das Kölner Antifa- Café etwa demonstrierte gegen die „selbsternannten Weltherrscher“ die sie, in den Personen: Merkel, Putin und Bush auszumachen glaubten. Zu dieser Analyse kommt man nur, wenn man ignoriert, dass die Subjekte sich, wie die berühmt- berüchtigten „dümmsten Kälber“ welche ihre „Metzger“ selber wählen, verhalten. Diese „Weltherrscher“ sind nichts anderes als durch die Massen, welche man zu gerne von jeglicher Kritik ausnimmt, demokratisch legitimierte Charaktermasken ihres jeweiligen Nationalstaates. Dieser fungiert zunächst einmal als „ideeller Gesamtkapitalist“ (Karl Marx), der die gesellschaftlichen –warenförmige – Verhältnisse garantiert; diese stehen einerseits den Individuen als Fremdes gegenüber, subsumieren sie aber zugleich restlos.
Wenn sich bei der Attac- Sommerakademie 2006 um die „kulturelle Identität indigener Gemeinschaften“ gesorgt wird, so stößt dies bei linken, multikulturell begeisterten Antirassist/innen auf ebenso offene Ohren wie bei den sogenannten „Ethno-Pluralisten“ der NPD, welche nicht müde werden zu betonen, wie wichtig doch die „kulturelle Eigenheit“ der „Völker“ sei. Beiden auf den ersten Blick doch so unversöhnlich verschiedenen Gruppen ist eines gemeinsam: das Individuum zählt ihnen nichts, die Gemeinschaft alles. Die egoistischen Interessen der Subjekte, welche möglicherweise außerhalb kultureller, religiöser und damit zum Beispiel allzu oft einhergehender sexueller normen liegen, werden dem Kollektiv geopfert, welchem es sich unterzuordnen gilt.
Wer eine solche Denkweise an den Tag legt kommt eher früher als später bei der Volksgemeinschaft an, niemals jedoch wird er oder sie auf diesem Wege den „Verein freier Menschen“ (Karl Marx) auch nur denkbar machen.

„wir sind gewillt zu übersehen- was wir jetzt noch nicht verstehen“

Was darüber hinaus linke wie rechte Antikapitalisten eint, ist eine Personalisierung kapitalistischer Vergesellschaftung – welche auch als „verkürzte Kapitalismuskritik“ bezeichnet wird. Wert, Geld und Handel sind abstrakte, heimatlose Formen welche in dieser falschen Analyse der Verhältnisse bestimmten Personen wie etwa „Bankiers“, „Yuppies“ oder „Bonzen“ zugeschrieben werden. Solch eine Analyse ist strukturell antisemitisch, denn als strukturellen Antisemitismus beschreibt man solche Erklärungsversuche, welche sich antisemitischer Klischees bedienen ohne die Juden konkret zu benennen. Wer eine solche Personalisierung betreibt ist nur noch einen Schritt entfernt vom Juden als Konkretisierung des Antisemitismus, wobei eine konkrete Benennung der Juden nicht mehr nötig ist, weil sie aufgrund der seit dem Mittelalter tradierten und in der europäischen Kultur stark verankerten Ressentiments vom Juden als „heimatloser Krämer“, „Wucherer“ und „Ausbeuter“ so offensichtlich auf der Hand liegen, dass sie nicht mehr ausgesprochen werden müssen. Selbst die Nazis kommen in ihrem Aufruf zur heutigen Demonstration drum herum, die Juden direkt zu benennen obwohl ihr Aufruf zutiefst antisemitisch ist. Wenn sie von der „internationalen Hochfinanz“ sprechen weiß ohnehin Jede/r wer damit gemeint ist…
Es findet eine dichotomische Trennung von „gutem, schaffenden Kapital“, welches die Sphäre der Produktion darstellen soll und mit den „ehrlichen“ Arbeitern identifiziert wird auf der einen Seite und diametral gegenüberstehend das „böse, raffende Kapital“ dass der Sphäre der Zirkulation der kapitalistischen Vergesellschaftung angeheftet wird und in den Kapitalisten ausgemacht wird, statt. Dies ist nur als ein weiterer Versuch zu werten, den Massen bzw. dem „Volk“ jegliche schlimmen Absichten abzusprechen, schließlich vermutet man dort revolutionäres Potential und vermeidet es deshalb tunlichst, diesen Leuten auf die Füße zu treten. Doch auch wie die Arbeiter in den Verhältnissen gefangen und den daraus strukturellen Zwängen unterworfen sind, sind dies auch die Kapitalisten. Somit stellen auch diese nichts weiter dar, als beliebig ersetzbare „Charaktermasken“, wie von Marx bereits im Vorwort seines Werks „Das Kapital“ festgestellt. Ganz praktisch artikuliert sich der oben beschriebene Antikapitalismus in Dutzenden abgefackelten Mittel- bis Oberklasseautos im Vorfeld des G8- Gipfels durch militante Linksradikale getreu dem Motto, die „Reichen“ für ihren Luxus zu hassen statt diesen für alle einzufordern – mit einer Gesellschaftskritik im emanzipatorischen Sinne hat dies alles reichlich wenig zu tun.

„Es ist alles so einfach“

Der Kommunismus stellt eine emanzipatorische Aufhebung des Kapitalismus dar, der Antisemit will eine negative Aufhebung dessen, auf der Grundlage seiner selbst und damit einen Rückfall hinter die zivilisatorischen Eigenschaften und Errungenschaften, die der Kapitalismus mit der bürgerlichen Ordnung brachte. Somit gilt es festzuhalten am bürgerlichen Versprechen von Luxus und Individualität mit der Absicht – wie Adorno sie bereits postulierte – an einer „Welt, in der man ohne Angst verschieden sein kann“. Das diese Versprechen auf Grundlage einer warenförmigen Vergesellschaftung nicht einzulösen sind sollte nicht dazu verleiten, platten Analysen Vorschub zu leisten. Diesem, im zweiten Absatz beschriebenen antikapitalistischen Treiben ist mit den notwendigen Mitteln Einhalt zu bieten, denn dort wo es die Oberhand gewinnt, ist an Gesellschaftskritik nicht mehr zu denken, dort hat die Barbarei bereits erste Gestalt angenommen.

comité liberté, im Juni 2007.

Alle Überschriften sind dem Lied « hi freaks » von tocotronic entnommen.

Tipps zum Weiterlesen:

Moishe Postone „Antisemitismus und Nationalsozialismus“ in ders.: „Deutschland, die Linke und der Holocaust – Politische Interventionen“, ca ira, Freiburg im Brsg..

Andrea Woeldike „Kapitalismus und deutscher Wahn“ in: Arbeitskreis Kritik des deutschen Antisemitismus (Hg.): „Antisemitismus – die deutsche Normalität“, ca ira, Freiburg im Brsg..

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Auf zu neuen Uffern!

5. Juni 2007

Anläßlich der Demonstration “ HÖR MIR UFF MIT DEUTSCHLAND!“ (der Aufruf zu dieser Demonstration ist hier nachzulesen) entstand der folgende Text des comité liberté (eine pdf-version davon gibt es hier).

AUF ZU NEUEN UFFERN!

Wenn im Aufruf zur heutigen Demonstration von Freiräumen
gesprochen wird, so klingt dies wie ein Versprechen,
welches in den gegebenen Verhältnissen nicht einzulösen
ist. Jede Möglichkeit zur Entwicklung von gelebten Theorien
wird anders genutzt und kann pauschal auch nicht unter einen
Begriff gezaubert werden. Die gelebten Konstruktionen
werden in den autonomen Himmel gehoben und die Realität
ausgeblendet. Die von den NutzerInnen selbst eingeforderte
Kritik an Deutschland und den herrschenden Verhältnissen
wird nicht einmal ernsthaft formuliert, wenn von Staat und
Gesellschaft gleichermaßen versucht wird, den gebotenen
angeblichen Alternativen zu all dem die Existenz zu entziehen.
Die Rückzugsmöglichkeiten in Form von Wohnprojekten
und Zentren werden geschlossen und statt entgültig die Konsequenz
aus diesen Tatsachen zu ziehen, werden die Räume,
die eigentlich zur Kritikbildung genutzt werden sollten zu
Stätten, in denen Schulterschluss mit der Gesellschaft und
ihren Bedürfnissen geübt wird. -
Dass Autonome Zentren und linke „Freiräume“ Perspektiven
von emanzipatorischer Kapitalismuskritik eröffnen könnten
steht natürlich außer Frage, jedoch ist es fernab der Realität
zu behaupten, dass diese Räume ein Entkommen aus der
kapitalistischen Verwertungslogik bedeuten. Auch in diesen
Zentren herrschen bestimmte Regeln, deren Einhaltung von
höchster Wichtigkeit für ein Zusammenleben sind. Ebenso
wie Regeln zum Miteinander überlebenswichtig sind, kann
auch keines dieser Angebote ohne warenförmige Vergesellschaftung
existieren. Auch wenn ihr Anspruch ein Anderer
ist, kommen sie zwangsläufig den Verwertungsprinzipien in
die Mühlen. Es wäre utopisch zu glauben, die Gesellschaft
würde tatsächlich ausgesperrt und hätte keine Chance diese
Veranstaltungsorte zu dominieren. Oft werden gerade aus
dem Glauben heraus etwas „Freies“ schaffen zu können,
den abgelehnten Normen andere entgegengesetzt, die blind,
schlicht das Gegenteil von dem darstellen, was in der Gesellschaft
„draußen“ als negativ identifiziert wurde. Ohne an die
Auswirkungen zu denken wird versucht etwas zum Leben zu
erwecken, das unter den geschaffenen Umständen nicht zu
dem gewünschten Ziel führt. Der pragmatische Nutzen solcher
Räume sollte also nicht darüber hinwegtäuschen, dass
der prinzipielle Anspruch in diesen nicht immer fortschrittlich,
emanzipatorisch, sondern durchaus auch reaktionär und
unreflektiert daher kommen kann.
Auf der anderen Seite führen die Schließungen und die allgemeinen
Zwänge denen diese Zentren unterliegen, seltsamerweise
zur Anbiederung der NutzerInnen an die Gesellschaft,
mit dem „jetz ma` uffgehört“ werden soll. Somit kann gar
keine Kritik an den deutschen Verhältnissen formuliert werden,
denn genau diese werden gar nicht erst als Auslöser der
Entwicklung erkannt oder formuliert.
Das Phantom der guten Gesellschaft, die von den machtgierigen
und geldgeilen Geschäftsleuten dirigiert werde, und
deren Entscheidungen über den Rechten der bürgerlichen
Gesellschaft stehen würden, muss aufrecht erhalten werden,
um einen Adressaten für die Bitten nach Erhaltung der „Freiräume“
darstellen zu können.
Die inhaltslosen Phrasen die gegen Deutschland ins Gefecht
geschickt werden, sind vielmehr ein Pochen auf das Recht
eine Nische in der Gesellschaft einnehmen zu dürfen die von
großem Wert für eben diese sein soll. Eine Art Sozialarbeit
wird angepriesen, die angeblichen AussteigerInnen aus der
Verwertungslogik einen Platz bietet, sich wieder einzubringen,
in die anscheinend zwanglose Gesellschaft im kleinen.
Allein die Existenz der Verhältnisse, aber, die jede/n Einzelne/
n immer dazu zwingen als variables Kapital zur eigenen
Verwertung zur Verfügung zu stehen, liefern schon jeden Tag
den Grund für Kritik an den herrschenden Zuständen. Den
Anlass, dafür zu kämpfen sich dieser Verhältnisse entledigen
zu können und nicht, es sich in den geschaffenen Nischen so
bequem wie möglich zu machen.
Sollen also die gesamtumfassenden Zwänge von heute abgeschafft
werden, so gilt es ihnen eine allumfassende Kritik entgegen
stellen zu können, und nicht, sich in der von Zwang
durchsetzten Gesellschaft einzurichten.
Wenn im Aufruf zur heutigen Demonstration das Einzige,
was am Kapitalismus kritisierenswert erscheint, die „unmenschlichen
Produktionsverhältnisse“ sind, legt das den
Gedanken nahe, dass die zur Verfügung stehenden „Freiräume“
eben nicht zwangsläufig dazu genutzt werden sich
tatsächlich mit fundierter Kritik zu befassen. Der Rückzug ins
autonome Traumland, fern ab von Kapitalismus und beseelt
von der Verteufelung des Reichtums ist kein Schritt zur Verbesserung
der Zustände.
Ein Fehlschluss ist es ebenfalls zu glauben, eine „Gefahrenabwehrverordnung“,
wie sie nicht nur in Gießen in Kraft ist, sei
gänzlich unerwünscht und diene nur einer kapitalversessenen
Oberschicht, die alles, was keine Kaufkraft besitzt aus der
Bahn geräumt sehen will. Die freiwilligen HilfspolizistInnen
wachsen nicht auf Bäumen und die Befürwortung in der Bevölkerung
für die Maßnahmen, welche die heimischen Bürgersteige
sauber halten sollen ist enorm. Das Wahlprogramm
hat gezeigt worauf die WählerInnen reagieren, und daraus
resultierten die Maßnahmen, die einer Gesellschaft, die Angst
vor dem Verlust der eigenen Kapitalkraft hat, den Rücken frei
halten sollen. Nicht Jeder sieht also die „Verschönerung“ der
Strassen und den Erhalt der Attraktivität „seines“ Daseins als
die größte aller Bedrohungen an.
Das Bitten um Anerkennung der wertvollen Arbeit am „Sozialprojekt“
deutsche Gesellschaft macht demnach wenig
Sinn, denn die Ablehnung ist denen gewiss, die sich von den
gängigen Bedürfnissen lossagen möchten. Auf Akzeptanz
und Unterstützung zu hoffen ist müßig und steht in keinem
Verhältnis zu dem nach Außen vertretenen Anspruch einer
Freimachung von den Zwängen, das hätte längst erkannt
sein sollen.
Trotz allem gilt es Möglichkeiten zur Schaffung eines Bildungsraumes
zu erhalten. Die Idee an sich ist es wert erhalten
und ausprobiert zu werden. Was daraus zu machen die
Menschen in der Lage sind, ist abhängig vom jeweiligen Anspruch
an ein besseres Leben.

Comité Liberté | www.antifa-giessen.de

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Deutsche Friedensfreunde machen mobil

27. Juni 2006

Deutsche Friedensfreunde machen mobil
(Redebeitrag des comité liberté anlässlich der Kundgebung am 12. August in Marburg)

Gerne hat man bereits größtenteils die Bilder und Aussagen der antiamerikanischen Massenmanifestationen des deutschen Friedenmobs, anlässlich des Irakkrieges, im Jahre 2003 vergessen bzw. verdrängt – die Bilder eines Friedensmob, der kein links, kein rechts mehr kannte bzw. kennen wollte, sondern nur noch friedfertige Deutsche – einig in ihrem Hass auf die USA und in ihrer zärtlichen Solidarität mit Saddam Hussein.
Hussein ausgestattet mit deutschem Giftgas und deutschem Know-how zur Aufrüstung seiner Scud-raketen, wodurch ihm es möglich wurde auch israelische Städte mit seinen Raketen zu erreichen. Er war zur Genüge ausgestattet um damit das deutsche Projekt der Vernichtung der Juden weiterzuführen – vielleicht daher die solidarische Zärtlichkeit? Glücklicherweise konnte er in Israel – auch wenn er es lange genug in Angst und Schrecken hielt – nicht durchführen, was Tausende auf irakischem Territorium ereilte: den massenhaften Mord durch Giftgas. Man kann sich sicher sein, dass diejenigen, die sich damals in zärtlicher Solidarität mit Saddam Hussein übten, sich nun heute in derselben zärtlichen Solidarität mit den antisemitischen Terrorbanden wie Hamas oder auch der Hisbollah üben. Ebenso wie die USA, ist auch Israel, der ewige Feind eines jeden aufrechten deutschen Friedensfreund – findet sich die deutsche Friedensbewegung doch gerade in ihrem Hass auf die USA und Israel zu sich selbst. Halten sich die öffentlichen Massenmanifestationen auf der Strasse momentan noch in gewissen Grenzen, rüstet das deutsche Feuilleton und mit ihm die deutsche Linke, Seite an Seite mit Islamisten und anderen Hisbollah-Freunden für den Friedensfeldzug. Leid- und schmerzvoll mussten einige Antifaschisten den Charakter dieser Manifestationen spüren als sie am Rande von diesen sogenannten Friedensdemos bspw. in Göttingen und Saarbrücken ihre Solidarität mit Israel bekundeten.
Als hätte der Krieg im Nahen Osten erst vor einigen Tagen begonnen – der Krieg begann in der Nacht vom 14. auf den 15.Mai 1948, wenige Stunden nach der Gründung des Staates Israels, als dieser von den Armeen fünf umliegender Staaten angegriffen wurde: den Armeen Ägyptens, Transjordaniens, Syriens, Iraks und des Libanons; offenbar deshalb weil diese Staaten einen jüdischen Staat, der Heimstatt, Zuflucht und Schutz für Juden und Jüdinnen weltweit bietet, an ihrer Seite nicht ertragen konnten und wollten. Jedoch wird der deutsche Friedensbewegte auch diese Tatsache geflissentlich umzudeuten wissen und Israel als den Schuldigen für die Aggressionen der umliegenden Staaten ausmachen – sowie seit jeher die Ursache des Antisemitismus in den Juden gesucht und gefunden wird und eben nicht beim Antisemiten.
So nimmt, um mit den Worten der Initiative Sozialistisches Forum aus Freiburg zu sprechen, die militante Aufklärung derzeit die Gestalt des israelischen Ministerpräsidenten Ehud Olmert, sowie der Panzer und derzeit vor allem Flugzeuge der israelischen Armee an, als die historisch derzeitig einzig mögliche Form. Dies „versetzt natürlich diejenigen in basses Erstaunen und helle Empörung, die von der Aufklärung nur gerade den „Aufkläricht“ (Ernst Bloch) behalten haben, der hinreicht, sich für das desaströse „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ ob proletarisch-sozialistisch à la Lenin, bürgerlich-demokratisch à la Wilson oder völkisch-nazifaschistisch à la Hitler zu engagieren[…][Olmert] jedenfalls, der Zionist und praktische Antifaschist, ist dem aufgelösten Rätsel der Geschichte näher als die deutsche Linke, deren „Antifaschismus“ sich als Aufstand der Anständigen à la Gerhard Schröder oder als Solidarität mit dem palästinensischen Volk ausagiert.“ (ISF „Der Kommunismus und Israel“ (S.8 und 9))
Wenn Jeff Black, Bewohner eines nordisraelischen Kibbuz, berichtet: „Es gibt keinen sicheren Platz in Israel“ zeigt einmal mehr die Notwendigkeit eines „Sommerregens“, um zumindest eine der antisemitischen Terrorbanden, zu stoppen oder zumindest entscheidend in ihren Aktionen zu beschränken. Kein Staat der Welt würde es zulassen, dass seine staatliche Souveränität angegriffen wird, seine Existenz versucht wird auszulöschen, seine Staatsbürger tagtäglich Opfer des Terrors werden – und erst recht nicht ein Staat Israel dessen oberste Prämisse ist: Juden und Jüdinnen weltweit Schutz vor antisemitischem Terror und Vernichtungswünschen zu bieten. Die Zerschlagung antisemitischer Terrorbanden und das Verunmöglichen ihres Geschäftes, dem des Judenmordes, muss unsere volle Solidarität und Zustimmung zukommen – und solange die Hisbollah nicht zerschlagen ist und die Möglichkeit zur praktischen Ausführung des Judenmords unterbunden wurde, solange freuen wir uns zumindest wenn die Verbreitung antisemitischer Propaganda gestoppt wird, wie die des Hisbollah-eigenen Propagandasender Al Manar, der weltweit seinen antisemitischen Hass mittels Fernsehbilder artikuliert wie z.B. in der mehrteiligen Serie Al-Shatat, in der das Mär der jüdischen Weltverschwörung erneut gesponnen wird. So werden in dieser besagten Serie die Juden als diejenigen Schuldigen ausgemacht, die Tod und Verderben über die Menschheit gebracht hätten, die beide Weltkriege ausgelöst hätten, die die Chemiewaffen erfunden hätten und Hiroshima und Nagasaki mit Atombomben zerstört hätten (vgl. Matthias Küntzel „Von Zeesen bis Beirut“). Wenn nun dieser Sender seine antisemitische Mordbrennerei über Satellit, erst einmal nicht mehr weiter fortsetzen kann weil die Israel Defense Forces wieder einmal Antifaschismus praktisch hat werden lassen und eben mittels Waffen die Verbreitung von antisemitischer Propaganda unterbunden hat, ist dies unsrerseits nur zu begrüßen.
So kann man den Veranstaltern der heutigen Kundgebung nur vollständig recht geben wenn sie schreiben:
„Mit Antisemiten redet man in der einzigen Sprache, die sie leider nur verstehen, in der Sprache der Gewalt, und Staaten, die den Terror tolerieren, wenn nicht gar hofieren, zeigt man mittels F-16, was erwartet werden darf, wenn tote Juden gern gesehen oder herzlich egal sind“
In diesem Sinne gilt unsere Solidarität, den Soldaten und Soldatinnen der IDF, in ihrem Kampf gegen die antisemitischen Terrorbanden heißen sie Hamas, Islamischer Djihad, PFLP, Volkswiderstandskomitee oder eben Hisbollah, in ihrem Kampf um den Schutz des Staates Israels vor antisemitischen Übergriffen und der Sicherheit der Bürger des Staates Israel.
Eine befreite Gesellschaft kann und darf es nicht auf den Trümmern eines zerstörten Israels geben – deswegen ist all denen, die diesem Unterfangen Vorschub leisten entgegenzutreten, sei es in der Form von Islamisten oder sei es in der Form von deutschen Friedensfreunden oder anderen deutschen Linken.

comité liberté im August 2006

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Flugblatt zu „Paradise Now“

26. Juni 2006

Die Rechtfertigung des Judenmordes
und des Krieges gegen Israel

„Paradise Now“ wurde auf den 55. internationalen Filmfestspielen in Berlin der AGICOLA-Preis „Der blaue Engel“ für den besten europäischen Film verliehen, doch damit nicht genug.
Weiterhin wurde er mit dem Amnesty International-Filmpreis, sowie dem Zuschauerpreis der Berliner Morgenpost ausgezeichnet. Auch das Deutschland Radio lobte den Film als „authentisch“ und deshalb eben nicht „propagandistisch“. Eine weitere Adelung, erfuhr der Film, durch das ihm verliehene Prädikat „besonders wertvoll“, welches ihn als Unterrichtsmaterial für Schulklassen empfiehlt.

Doch worum geht es denn eigentlich in dieser deutsch-niederländisch-französischen Co-Produktion?

Bei „Paradise Now“ handelt es sich um einen Film der sich, wie einige andere, auf der Berlinale gezeigten Filme, mit dem Nahostkonflikt beschäftigt. Es wurde behauptet der Film würde keine Position beziehen und Selbstmordattentate nicht verharmlosen oder rechtfertigen. Der Konflikt würde erstmalig aus der Sicht der Palästinenser gezeigt.

Lassen wir doch den Regisseur des Films Hany Abu-Assad zu Wort kommen, der in einem Interview folgendes von sich gab: „Die Selbstmordanschläge sind eine Folge der Unterdrückung, die zuerst aufhören muss. (…) Ich bin gegen die Tötung von Menschen, und ich will das stoppen. Aber ich verurteile die Selbstmordattentäter nicht. Für mich ist das eine sehr menschliche Reaktion auf eine extreme Situation.“
Diese Äußerung beinhaltet den Gedanken, dass Juden durch ihr Verhalten selbst für den Antisemitismus, welcher sie vernichten will, verantwortlich sind. Sie macht sie zu den Schuldigen und ihre antisemitischen Mörder zu Opfern – und das alles ist für Abu-Assad ganz verständlich.
In einem Interview mit Kulturzeit auf 3sat berichtete Hany Abu-Assad, dass er sich, bei den Vorbereitungen zu „Paradise Now“, mehrfach mit palästinensischen Selbstmordattentätern getroffen hat und von deren geplanten Aktionen Kenntnis erlangte.
Davon nicht umgehend die Sicherheitskräfte in Kenntnis zu setzen, gilt aus guten Gründen als justiziable Unterstützung des Terrorismus, was sowohl in Israel, dessen Staatsbürger Abu-Assad ist, als auch in Deutschland, von dem er regierungsamtliche Förderung erhält, als Straftat gilt.
Dass der Film keine Position bezieht, lässt sich bei den Äußerungen und dem Handeln des Regisseurs von vornherein ausschließen.

Im Film werden die Palästinenser als, von den Israelis, unmenschlich Unterdrückte dargestellt, deren einzige Möglichkeit der Krieg gegen Israel sei. Dies schließt, in der Logik des Films, selbstverständlich auch Selbstmordanschläge, das sogenannte „suicide bombing“ mit ein. Es gibt im Film keine Position, welche sich eindeutig gegen die Selbstmordanschläge bezieht. Said und Khaled, die beiden Hauptfiguren des Films, träumten schon lange davon sich endlich gegen „die Besatzer“ zu wehren, also im Klartext: Zivilisten in die Luft zu jagen, weil deren Verbrechen nicht zu entschuldigen ist: Sie sind Juden.
Der einzige Mensch der sich gegen diese antisemitischen Morde richtet ist Saids Freundin, sie fordert den „moralischen Krieg“. Doch nicht weil sie die Widerwärtigkeit dieser Anschläge erkennt, sonder weil man sich sonst, so ihr Argument, mit den Israelis und ihren Methoden gleich mache.
Die Aussage ist klar: Der Krieg gegen Israel ist legitim, die Israelis sind am Leid der Palästinenser schuld und die Selbstmordattentäter sind verzweifelte Jungen.

Israel wird im Film als anonyme, mordende Besatzungsmacht dargestellt und das Publikum darf, während des gesamten Films, keinen Israeli näher kennen lernen. Dies würde ja auch den Sinn des Films verfehlen, schließlich geht es um Palästinenser und ihr Leiden und nicht um ihre Unterdrücker; auch würde es die bedingungslose Einfühlung in die palästinensische Sache erschweren oder noch schlimmer: verhindern.
Den einzigen Juden, der nicht nur als schemenhaftes Wesen dargestellt wird, ist derjenige, welcher für Geld, selbst den Mord an Anderen in Kauf nimmt und die beiden Selbstmordattentäter nach Israel schmuggelt. Er handelt nach dem antisemitischen Ressentiment: Dass die Juden nur auf den schnöden Mammon fixiert sind und das diese „Unmenschen“ nicht einmal vor Mord zurückschrecken.

Als es Said, nach wildem hin und her, nach Israel geschafft hat, steigt er an einer Haltestelle dennoch nicht in einen ankommenden Bus, der ein optimales Ziel für ihn darstellen würde. Er zögert als er ein kleines Mädchen sieht, welches beim Busfahrer steht. Said bricht die Aktion darauf hin ab. Denn ein Kindermörder ist er, sind seine Vorbilder von Hamas und Islamischem Djihad, auf keinen Fall. Der Kindermörder und das wissen ja alle,- ist Israel, sind die Juden.
Das dies empirisch belegbarer Unsinn ist, spielt keine Rolle – wir befinden uns ja gerade in einem Propagandafilm.
Said schafft es nach etlichen Umwegen dann doch, seinen Körper – also seine Waffe – in einem israelischen Bus zu positionieren. In diesem Bus sitzen fast nur Soldaten, also, in der Logik des Films, legitime Ziele. Hier besteht nicht die Gefahr, dass das Publikum einen zerfetzten Kinderkörper sieht und sentimental reagiert. Doch auch die zerrissenen Körper der Soldaten und der brennende Bus erscheinen nicht im Bild stattdessen wird der Bildschirm weiß und das Publikum kann endlich um den Mörder trauern anstatt um seine Opfer.

In diesem Film gibt es keinen Antisemitismus. Alles geschieht weil die Israelis die satanischen Unterdrücker sind. Sowohl die Charta der Hamas, wie auch die antisemitische Hetze, die in den palästinensischen Medien gegen „die Juden“ betrieben wird kommt nicht zur Sprache.

Gegen jeden Antisemitismus

Solidarität mit Israel

Comité Liberté

Anmerkung:
Von Sep. 2000 bis zum 31 Dez. 2005 sprengten sich in Israel 147 Selbstmordattentäter in die Luft. Sie Ermordeten 498 Israelis, davon 425 Zivilisten, 73 Angehörige von Militär- und Sicherheitskräften sowie 27 Personen anderer Staatsangehörigkeit. Von diesen Opfern waren 5% unter 14 Jahren und weitere 12% unter 18 Jahren.

www.matthiaskuentzel.de
www.memri.de

h1

redebeitrag 16.06.06 frankfurt

24. Juni 2006

Gemeinsamer Redebeitrag vom Zusammenschluß Antideutscher KommunistInnen Heidelberg und Comité Liberté Giessen

Unheimliche Allianzen

Wenn am morgigen Tag deutsche Nazis in Solidarität mit dem iranischen Präsidenten Ahmadinedschad in Frankfurt aufmarschieren, so ist dies keinesfalls ein neues Phänomen- vielmehr hat die Kameradschaft zwischen islamistischen und nazistischen Ideologen eine lange Tradition:
Einer der Vorreiter des islamischen Antisemitismus war der Mufti von Jerusalem, Haj Amin al-Hussaini. Ab Anfang der 1930-er Jahre stand er in engem Kontakt zu den NationalsozialistInnen und unterstützte diese sogar aktiv durch eigene Truppen. Am 5. März 1933 schrieb er dem deutschen Generalkonsul Wolff: „Die Moslems innerhalb und außerhalb Palästinas begrüßen das neue Regime in Deutschland und hoffen, dass sich die faschistische, antidemokratische Staatsführung auf andere Länder ausdehnt“. Und am 1. März 1944 tönte er im Berliner Rundfunk:“Tötet die Juden, wo immer ihr sie findet“.
Neben den antisemitischen Verschwörungstheorien , die im islamischen Antisemitismus spätestens mit der Übersetzung der Protokolle der Weisen von Zion im Jahre 1927 Einzug erhalten haben, ist vor allem die Leugnung der Shoa für die Neonazis von Bedeutung. In Deutschland sehen sich diese mit einer Gesetzgebung konfrontiert, die die offene Leugnung des Massenmordes unter Strafe stellt. Wenn Ahmadinedschad in einem Interview für den Spiegel einfordert, „unabhängige Experten“ zum Holocaust zu hören und damit Neonazis wie etwa Zündel meint, schlägt das Herz seiner deutschen Kameraden ob so viel offener Sympathie höher. Eine gängige Praxis deutscher Neonazis ist das zitieren von Persönlichkeiten, welche die Shoa in der Öffentlichkeit geleugnet haben. So zitierte der NPD- Vorsitzende Udo Voigt den Direktor der Abteilung für Iranische Studien, Abbas Salimi Namin, dass „ die Zionisten die internationale Gemeinschaft betrügen, indem sie das nichtreale Massaker an sechs Millionen Juden benutzen“. Damit leugnen die Neonazis die Shoa, ohne dafür strafrechtlich belangt werden zu können.
Es ist jedoch nicht nur die Leugnung der Shoa, welche Anknüpfungspunkte für Neonazis an die islamistische Ideologie bietet: Auch die völkische Ideologie und den Hass auf die Moderne, auf Liberalismus und Lebensformen fernab vergemeinschaftender, kultureller Zwänge haben beide gemein. Wenn Neonazis für das iranische Atombombenprogramm demonstrieren, dann mit der Gewissheit, wen diese Bombe treffen soll: Israel.
Diese und andere militärische Drohungen aus weiten Teilen der arabischen Welt und darüber hinaus machen das unbeschadete Leben der Jüdinnen und Juden in Israel vor allem von einem Faktor abhängig- der militärischen Verteidigung Israels gegen seine feindlich gestimmte Umgebung.

Solidarität mit Israel statt Existenzrecht- Diskurs

Wirkliche Solidarität mit dem Staat der überlebenden der Shoa kann sich nicht auf die ständige Zuerkennung des Existenzrechts beschränken, wie es in Linken Kreisen üblich ist.
Es gilt vielmehr, den Grund des Bestehens Israels zu reflektieren: Israel als Schutzraum für Jüdinnen und Juden vor antisemitischer Verfolgung und als Möglichkeit, ein unbeschadetes Leben zu führen, besteht nicht aufgrund von Lippenbekenntnissen irgendwelcher Gutmenschen, sondern aufgrund seiner Verteidigung durch die Israel Defence Forces, aufgrund befestigter Grenzanlagen und des Sicherheitszaunes.
Diese Erkenntnis ist jedoch keinesfalls ein Grund zur Freude- ganz im Gegenteil: „Die Waffe der Kritik kann die Kritik der Waffen nicht ersetzen“ (Karl Marx). Der Widerspruch, dass Waffen das Ende der Menschheit schon immer implizieren, aber gleichzeitig die Bedingung für das emanzipatorische Projekt Israel ausmachen, muss ausgehalten werden. Es erscheint notwendig, dass nicht die Mittel affirmiert werden sondern am Zweck der möglichen Bedingung von Emanzipation festgehalten wird. Auch Israel ist kein Selbstzweck! Die Verteidigung Israels gegen seine Feinde und die „antisemitische Internationale“
darf nicht der Idee eines Staates sondern ausschließlich dem „Verein freier Menschen“ dienen. Dass dafür in dieser nationalstaatlich-kapitalistisch verfassten Welt am Staat Israel mit allen Konsequenzen festzuhalten ist, steht außer Frage! Ein radikaler Antifaschismus beinhaltet für uns die an keine Bedingungen geknüpfte Solidarität mit Israel ebenso wie eine Solidarität mit den Menschen, welche durch islamischen Tugendterror als entrechtete Kreaturen in den Dreck gestossen werden: Homosexuelle, Frauen, Freidenker und überhaupt alle Menschen, welche in einer dementsprechend verfassten Welt leben möchten, in der sie „ohne Angst verschieden sein können“.
Für den Kommunismus! Solidarität mit Israel!


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