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Wie die deutsche Mutter die Welt erretten soll

14. Januar 2008

Anläßlich einer Veranstaltung mit Eva Herman in der Kongreßhalle Gießen, wurde das folgende Flugblatt verteilt; eine pdf-version davon gibt es hier .

Wie die deutsche Mutter die Welt erretten soll – Eva Hermans Heilsversprechen

Mit Eva gegen Akne
Es hätte vollkommen ausgereicht, wenn die Autorin und berufstätige Mutter Eva Herman es dabei belassen hätte, ihre „provokanten Thesen“ zum Thema Emanzipation und die Rolle der deutschen Frau in der Gesellschaft in ihrem im Mai 2006 erschienenen Artikel „Die Emanzipation- ein Irrtum?“ zu formulieren. Sie selbst sagt jedoch, dass die zahlreichen Reaktionen auf diese im Magazin „Cicero“ erschienene Streitschrift für eine Rückbesinnung auf die „Weiblichkeit“ es rechtfertigen, diesen „Tabubruch“ aus zu weiten.
Es folgten zwei Bücher, „Das Eva Prinzip“ und „Das Prinzip Arche Noah“. Wie aus den Titeln bereits erkennbar wird, formuliert Herman hier gemeinsam mit ihrer Co-Autorin ein Prinzip, also ein geschlossenes System, man könnte auch sagen Weltbild.
Die Sichtweisen im Eva Prinzip sind simpel und schnell erklärt: es gibt Himmel und Erde, den Menschen und seinen Auftrag auf Erden. „Natürlich“ gibt es Mann und Frau, die nicht gleich sind, es auch nie sein werden. Dann gibt es da noch Ideologie und ihr gegenüberstehend die Wissenschaft und Biologie, Bindungsforschung und Psychologie. Sie sieht einen Zusammenhang zwischen der „Vermännlichung“ von Frauen, die zur Veränderung des weiblichen Hormonspiegels und somit zu Akne bei erwachsenen Frauen führt. Herman beschreibt die Kälte der verrohten, orientierungslosen Gesellschaft und setzt dagegen den sicheren und harmonischen Ort der Familie, wo sich einander liebende Menschen in ihre zugedachten Rollen fügen und eine vermeintlich bessere Welt erahnen lassen. Dies alles wird bedroht durch das Schreckensgespenst „Feminismus“ und einer seit Jahren betriebene Familienpolitik, die durch ein sozialistisches Menschenbild geprägt ist. Die ausgedacht anmutenden Begebenheiten aus ihrem Bekanntenkreis sichern ihre Prinzipien ab und scheinen ihrem Geschreibsel einen Hauch von Empirie zu verleihen, eine Vorgehensweise, die sie übrigens bei der herbei phantasierten Gemeinschaft der Feministinnen kritisiert. Im „Prinzip Arche Noah“ werden die Thesen noch einmal aufgegriffen und diesmal zwecks Rettung der Gesellschaft gestiftet. „ein Überlebensprinzip für eine Gemeinschaft der starken Bindung und des tiefen Vertrauens“.
Im Grunde wurden ihre schriftlichen Äußerungen vom Feuilleton in die Ecke gestellt, wo man sich fragt, warum Männer nicht zuhören und Frauen nicht einparken können und schließlich achselzuckend feststellt, dass die einen vom Mars und die anderen von der Venus stammen.
Hier liegt der Tenor „Männer und Frauen sind grundverschieden und das ist gut so“ in der Luft und die Dinge haben ihre Ordnung. Ob diese göttlich oder natürlich ist, bleibt dabei Glaubenssache.

Die wunderbare Welt der Werte
„Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder
wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauffolgenden 68er Bewegung abgeschafft wurde. Mit den 68ern wurde damals praktisch alles das, was wir an Werten hatten- es war ´ne grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle, -aber es ist damals eben auch das, was gut war, und das sind Werte, das sind Kinder,
das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt- das wurde abgeschafft.“ flötet sie eines Abends nach einer Buchpräsentation im medialen Focus.
Dieses, in der Presse teilweise verkürzt wiedergegebene Zitat brachte Frau Herman große Aufmerksamkeit ein. Nicht etwa, weil es verwundert, dass in ihrem Geschichtsverständnis
auf den Nationalsozialismus die 68er Bewegung folgte oder das „deutsche Volk“ angeblich ein verführtes, also vom Führer getäuschtes war. Auch nicht das gebetsmühlenartige Wiederholen von angeblich offensichtlich universellen Werten brachte Kritiker auf den Plan, sondern der Verdacht, Frau Herman hätte sich positiv auf die Familienpolitik der Nationalsozialisten bezogen.
Herman ließ nichts unversucht, sich gegen diesen Angriff zu wehren. Verweise auf ihre Mitarbeit an einem Projekt, welches sich „gegen rechts“ engagiert sowie auf die Abhandlungen des Nationalsozialismus im „Eva Prinzip“ und ein Auftritt in einer Fernsehsendung, (die für sie sehr ungünstig verlief, da sie sich in gewohnter Weise in Wiedersprüchen und Emotionen verhedderte), konnten das entstandene Bild nicht mehr rückgängig machen. Dies bringt eben jene Radikalen dazu, sich mit Frau Herman zu solidarisieren, was wiederum in der Öffentlichkeit so gewertet wird, dass die blonde, blauäugige Eva den Nachnamen Braun tragen könnte.
Aber sie taugt auch vielen zur Identifikationsfigur, denn sie ist ein Opfer und zwar in mehrerer Hinsicht: die Medien veranstalten eine schadenfrohe Hetzjagd um Auflagen und Einschaltquoten hoch zu treiben, was die naive Frau, die doch nur ihre Meinung sagen wollte, an den Rand der Belastbarkeit treibt. Sie ist ein Kind der Nachkriegsgeneration und hatte unter den Wirrungen der Studentenrevolte zu leiden. Kind und Karriere muss sie unter einen Hut bringen und hat zu dem noch drei gescheitere Ehen verarbeiten müssen.
Außerdem, nein vor alle dem, ist sie eine Mutter und somit geeignetes Sprachrohr für so viele, deren Stimme ungehört bleibt. Dann kommt noch die Sache mit dem demographischen Wandel dazu. Frau Herman spricht doch auch als Deutsche, die Angst hat, dass „wir Deutschen“ aussterben. Wo kämen „wir“ denn hin, wenn man das Problem einer Überalterung der Gesellschaft durch Zuwanderung abschwächen wollen würde? Vielleicht also, denken viele, sollte Frau es mit den Prinzipien der Eva mal versuchen. Möglicherweise ist sie eine geeignete Prophetin, welche die Zeichen der Zeit erkannt hat und fern von denen da oben die Notbremse ziehen wird.
Spätestens jetzt wird klar, dass die Thesen der Frau Herman nicht leichtsinnig in eine Ecke gestellt werden sollten. Was sie als Tabubruch ausgibt ist zwar bei genauer Betrachtung keiner und ihre Behauptungen lassen sich allesamt mit wenig Aufwand entkräften, zurück bleibt jedoch die ungute Gewissheit, dass die in Buchform gegossene Weltsicht der Eva Herrmann nicht erst seit gestern verbreitet ist und es in naher Zukunft noch sein wird.

Die leise Melodie der Natur oder die Geigen Gottes ?
„Wir Frauen sind, wie gesagt, anders als die Männer. Wir wurden vom Schöpfer mit unterschiedlichen Aufträgen in die Welt geschickt. Das weibliche Auge erkennt schneller, wo Hilfe nötig ist, wo jemand unsere Unterstützung braucht“ heißt es im Eva Prinzip auf Seite 49.
Ab Seite 60 versucht Herman, die am Anfang des Buches betont, sie sei keine Wissen- schaftlerin, zu belegen, dass sich in der Natur des Menschen Beweise dafür finden lassen, dass es gar keine andere Rollenverteilung als die traditionelle geben könne. Sie tut dies, indem sie von der „Wissenschaft“ und der „Biologie“ spricht, verschweigt dabei, dass es unterschiedliche Wissenschaftszweige und Hypothesen innerhalb der Disziplinen gibt, dass Wissenschaftler ebenfalls eine ideologische Brille tragen und macht an kaum einer Stelle Angaben darüber, auf welche Quellen sie sich bezieht und aus welchem Kontext diese stammen. Soziale und gesellschaftliche Faktoren, die das Verhalten des Menschen beeinflussen, spielen hier keine Rolle.
Der unkritische Leser muss sich mit einer Flut von Informationen konfrontiert sehen, die er nicht überprüfen oder hinterfragen kann und wird in die Falle tappen, welche geschickt aufgestellt wurde. Denn es scheint alles zu den Thesen von Herman zu passen, was erforscht und gemessen wurde: weibliche und männliche Hirnstrukturen sind verschieden, daraus ergeben sich unterschiedliche Fähigkeiten und Verhaltensmuster:“ Der Mann steht in der Schöpfung als der aktive, kraftvolle, starke und beschützende Part, die Frau dagegen als der empfindsamere, mitfühlendere, reinere und mütterliche Teil. In den zurückliegenden Jahrtausenden richtete die Menschheit ihre Lebensform nach dieser Aufteilung aus, die Rollen waren klar definiert.“ Es besteht scheinbar ein Zusammenhang zwischen dem Hormonhaushalt und geschlechtsspezifischem Verhalten beim Menschen (wofür , wie so oft, Beispiele aus der Tierwelt herhalten sollen). „Biologen wissen heute recht genau, wie sich der Hormonhaushalt von Frauen verschiebt, die männliche Verhaltensweisen übernehmen.“ und „das männliche Konkurrenzverhalten muss man deshalb auch als Ausdruck eines entsprechenden Hormonspiegels begreifen.“ Die zusammengetragenen vermeintlichen Fakten mag Herman als bahnbrechende Erkenntnisse verkaufen, neu sind sie nicht. Die Vermischung von himmlischer Schöpfung und Irdischem wirkt zwar etwas kurios und der kritische Leser fragt sich, ob die Autorin sich nicht zwischen Kreationismus und biologischem Determinismus entscheiden kann, die Argumentationsmuster sind jedoch so oder so bereits bekannt.
Bereits im Jahr1984 erschien das Buch „Not in our genes. Biologie, ideology and human nature“ der Autoren Lewontin (Zoologe), Rose(Neurobiologe) und Kamin (Psychologe). Das sechste Kapitel ist der Frage nach biologischen Geschlechtunterschieden und gesellschaftlicher Geschlechtertrennung und deren Begründung durch biologisch-deterministisches Denken gewidmet. Hier heißt es beispielsweise: „Die Beweisführung des biologischen Determinismus folgt einem inzwischen bekannten Muster. Am Anfang wird die „Evidenz“ angeführt, die „Tatsachen“ hinsichtlich der Unterschiede zwischen Männern und Frauen,… diese „Tatsachen“ werden nicht weiter in Frage gestellt und auf schon vorher bestehende psychische Tendenzen zurückgeführt, diese wiederum auf zugrunde liegende biologische Geschlechterunterschiede auf der Ebene von Hirnstrukturen oder Hormonen. Darüber hinaus verweist der biologische Determinismus auf Parallelen zwischen menschlichen Geschlechterunterschieden und solchen bei nicht-menschlichen Gemeinschaften- wie Primaten, Nagetieren, Vögeln und sogar Mistkäfern. Damit verleit er den Geschlechterunterschieden eine scheinbare Universalität, die alleine durch den Wunsch, es möge anders oder gerechter zugehen, nicht in Frage zu stellen ist. Biologische Gesetze brauchen nicht in Frage gestellt zu werden“. Genau aus dieser Trickkiste scheint das Eva Prinzip bedient worden zu sein.
Im Verlauf des Kapitels beschreiben die Autoren den „scheinbar wissenschaftlichen Anspruch, die gegenwärtige Geschlechterteilung in der Gesellschaft erklären zu können und zeigen auf, „ dass es sich dabei um eine systematische Auswahl und Fehldarstellung sowie eine unzulässige Verallgemeinerung handelt, voller Vorurteile und in dürftige Theorien verpackt. Weit davon entfernt, die Geschlechterteilung zu erklären, dienen diese ideologisch der Perpetuierung der Geschlechterunterschiede. Genauso wie die biologische Erklärung von Rassen und Klassenunterschieden im IQ zielt die biologische Erklärung gegenwärtiger Geschlechterrollen letztendlich auf die Rechtfertigung und Erhaltung des Status quo“… „ Alle Belege sprechen dafür, dass menschliche Kleinkinder -ausgestattet mit formbaren und anpassungsfähigen Gehirnen und einer großen Lernfähigkeit- soziale Erwartungen hinsichtlich ihrer eigenen Geschlechtsidentität sowie diesem Geschlecht angemessenen Aktivitäten entwickeln, und zwar unabhängig von ihrem genetischen Geschlecht und auch weitgehend unabhängig von ihrem Hormonspiegel (der selbst wieder durch soziale Einflüsse substanziell beeinflußt werden kann). Psychokulturelle Erwartungen formen die Geschlechtsrollenentwicklung auf eine tiefgreifende Art und Weise und lassen sich nicht auf die Chemie des Körpers reduzieren.“
Gelesen hat Eva Herman darüber wohl noch nichts, denn sie beklagt in einem ihrer Ratgeber „Das Glück vom Stillen“, dass man dem mütterlichen Instinkt erst einmal wieder aktivieren müsse: „Die Melodie der Natur, die aufgrund einer Jahrmillionen alten Erfahrung eigentlich wie von selbst anklingen müsste, wenn der neugeborene Säugling in unseren Armen liegt, wird immer leiser. … Bei den anderen Säugern, den Tieren, auch den Fischen und Vögeln, gibt es keinen industriellen Fortschritt, der das Denken beeinflusst und „Wissen“ schafft. …sie reagieren und agieren eigenständig aus einem Instinkt heraus. Und alles hat seine Ordnung.“

Mutter, Milch und Honigschlecken
In jenem Zustand der entwickelten Weiblichkeit den Herman profilieren möchte, lässt das „Bauchgefühl“ der Frau dann auch endlich jenen Wunsch wieder zu, der in der Sphäre der, von Konkurrenz und Berufschancen dominierten, öffentlichen Welt verdrängt wurde. Jede Frau möchte eigentlich Mutter sein. „ Sie (Stillberaterin) erzählte mir, dass viele Frauen, genau wie ich, verunsichert seien und die Einrichtung „Mutterinstinkt“ heutzutage meist nicht mehr wie selbstverständlich funktioniere.“ schreibt Herman in „Das Glück vom Stillen“. Hier wird deutlich, was im Alltagsbewusstsein vieler Menschen verankert ist und an was Evas Prinzip nur noch anknüpfen muss: mütterliche Fürsorge wird durch Instinkte gesteuert. Instinkt ist etwas Natürliches und kann gar nicht falsch sein. Frauen bekommen schon immer Kinder, also sind sie schon immer und überall Mütter.
Das stimmt so jedoch nicht. Barbara Vinken (Professorin für Romanistik) analysiert in Ihrem Buch „Die deutsche Mutter, Der lange Schatten eines Mythos“ genau diese Ideologie: „Die deutsche Mutter, so meine These, ist ein altehrwürdiges Produkt des Protestantismus. Ihre Wiege ist die Reformation. Sie trat in dem Moment in die Welt, indem die Religion begann, sich von einer heiligen, mit dem Jenseits beschäftigten Sache auf ethische , innerweltliche Angelegenheiten zu verlegen und zur bloßen Moralunterweisung zu werden. Von diesem Zeitpunkt an profilierte sie sich gegen die weltlich herrenlose weibliche Liebe, wie sie in der Nonne, der Aristokratin und später der Arbeiterin verkörpert ist…. Die Schicht, die sie (die Mutter) zum Triumph führte, war das Bürgertum.“ Vinken sieht es als erwiesen, dass Mutterschaft auch heute noch zu einem Leitmotiv gemacht wird, weil sie sich mit der Vorstellung einer vollkommenen Partnerschaft verbinden lässt, „in der der wilden Welt des Wettbewerb die Idylle der Kleinfamilie entgegengestellt wird.“ Der Rückzugsraum der Mutter-Kind-Beziehung bildet so ein „Reservat der Menschlichkeit. Pädagogik und Psychologie liefern als vorläufig letzte Ausformung des Protestantismus die Legitimation für diesen Rückzug.“… „Für Luther wie später für Rousseau und Pestalozzi fing die Reformation mit einer Reformation der Familie an, die sich auf frühere, bessere zustände berief.
Martin Luther sorgte dafür, dass die Ehefrau und Mutter als die gottgefälligste Existenzform der Frau, die sich keusch dem Manne unterordnet, gesehen wurde. Die Reformation legte die Natürlichkeit von Geschlechterrollen fest und befestigte gleichzeitig ihre gottgewollte Hierarchie. Von nun an konnte die Frau dem Mann nicht mehr überlegen sein, was für einige Frauengestalten im Mittelalter durchaus noch galt. Politik wurde im achtzehnten Jahrhundert zu Geschlechterpolitik und die Institution Mutter geriet zum Dreh- und Angelpunkt für Reformbewegungen und Gesellschaftsverträge. Für Rousseau hing am Stillen die Begründung dafür, dass die Gesellschaft nicht nach Ständen sondern nach Geschlechtern getrennt sein müsse, denn die Mutter müsse sich dem Rhythmus des Kindes unterwerfen und könne so nicht in der Gesellschaft verkehren. Pestalozzi dagegen wollte den Adel -und dessen pervertierte Vorstellung von Weiblichkeit- reformieren und gab den ans Haus gefesselten Müttern eine Aufgabe, indem er sie zu Erzieherinnen machte. Sie alle, Luther, Rousseau und Pestalozzi galt eine Welt, in der nicht die Kindererziehung im Mittelpunkt steht, als pervertierte. Luise von Preußen, eine Führsprecherin Pestalozzis, diente als Vorbild für einen neuen Staatsvertrag, indem sie vorlebte, dass Geschlechterhierarchie über Ständehierarchie gehe, indem sie, die Königin von Preußen, sich auf das Haus beschränkt, sich ihrem Ehemann unterordnet und vorbildlich ihre Kinder liebt. Auch die Frauenbewegung in Deutschland zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts betonte die Unterschiede der Geschlechter und prägte eine Mütterpolitik. Das an sie geknüpfte Heilsversprechen wurde in der Gesundheit und Funktionstüchtigkeit des Volkskörpers verankert. Die Beziehung zwischen Mutter und Kind wurde zur wahren Liebesbeziehung und lief der Ehe, die als illegitime, patriarchale Vorherrschaft gewertet wurde, den Rang ab. Kinderlose Frauen sollten einen Beruf erlernen, der es zuließ, dass sie ihre Mütterlichkeit verwirklichen können. Die Mutter galt vielen nun
Erstmals als selbstbestimmtes Subjekt, da Kinderkriegen nicht reines biologisches Geschehen, sondern ein Werk, ihre Schöpfung sei. Im Nationalsozialismus kämpften die Mütter schließlich für den Erhalt der reinen Rasse. Die Zucht des Volkskörpers fiel in eins mit der Familie, welche zur Brutstätte dessen und institutionell praktisch bedeutungslos wurde. Die im Opfertod für das Dritte Reich gefallenen Söhne sollten in die Muttererde eingehen, um dort ewig weiterzuleben. Natur und religiöse Vorstellungen fallen in der nationalsozialistischen Mutter zusammen, denn sie schenkt der Rasse ewiges Leben, indem sie ein Kind gebiert.
Trotz dieser nationalsozialistischen Mutterreligion sollte auch im Nachkriegsdeutschland der Mütterlichkeit ihr Recht geschaffen werden. Die von mütterlichen Werten bestimmte Familie stand nun wieder gegen die Gesellschaft und existiert bis heute fort. Auch der Studentenbewegung1 und den Feministinnen ist es nicht gelungen, diese gesellschaftlich zementierten Strukturen zu zerbrechen. Die bundesdeutsche Familienpolitik zeichnet sich dadurch aus, dass sie nie konsequent auf Kinderbetreuung sondern stets auf Teilzeitarbeit und partnerschaftliche Umverteilung innerhalb der Familie setzte und ging damit einen deutschen Sonderweg. Vinken schreibt dazu: „Statt sich für Ganztagskrippen und Ganztagsschulen einzusetzen, streitet man sich hierzulande nicht erst seit den sechziger Jahren, sondern seit dem sechzehnten Jahrhundert so ergebnislos wie unverdrossen, wer die Kinder wickeln soll.“
Die Zauberformel, die in diesem Zusammenhang das außerhäusliche Verkehren der Mutter verhindern soll -und auch von Herman immer während in die Debatte eingebracht wird-, ist die Bindung des kleinen Kindes an die Mutter. Hier wird versucht nachzuweisen, was längst wiederlegt ist, nämlich das ein Kind nur in der führsorglichen Obhut seiner Mutter gedeihen kann, weil es sonst geschädigt und beziehungsgestört den Rest seines Lebens daran zu leiden hat, dass es in fremde Hände gegeben wurde. Daraus erklärt sich, weshalb Deutschland in Sachen Kinderbetreuung im internationalen Vergleich als Entwicklungsland gelten muss. Herman behauptet dagegen, es sei „politisch korrekt geworden, dass Kinder unter drei Jahren in Einrichtungen betreut werden.“ Jedoch in keinem anderen europäischen Land ist das Misstrauen und die Ablehnung von Krippen und Ganztagesplätzen so stark wie in der BRD, obwohl es keine empirischen Belege dafür gibt, dass die Kinder, die außerhalb des deutschen Kinderparadies aufwachsen, bindungsgestört und unglücklich sind.
Nicht nur der Kinderarzt und Autor Remo Largo weiß mittlerweile, dass die Mutter diese vielfach beschworene Schlüsselrolle für das kindliche Bindungsverhalten nicht automatisch innehat. Ein Kind baut zu derjenigen Person eine Bindung auf, die sich kontinuierlich und seinen Bedürfnissen angemessen um es kümmert. Dies kann durch die Mutter, den Vater aber auch andere Personen geschehen. Darüber hinaus entscheiden die ersten Jahre der Bindungserfahrungen nicht in jenem, von Herman angeführten Maße über den weiteren Lebensverlauf. Sie sind ohne jeden Zweifel wichtig für das wachsende Individuum, werden aber durch spätere soziale Erfahrungen bereichert und können sogar gezielt aufgearbeitet werden.
Schwieriger aufzuarbeiten sind dagegen die narzisstischen Kränkungen, die einige Mütter erfahren, wenn sie gewahr werden, dass ihr Kind vertrauensvolle Beziehungen zu einer anderen Person aufbaut und somit die Mutter-Kind-Symbiose aufkündigt.

Der Kampf der Geschlechter
„Die Notwendigkeit der berufstätigen Frau in Frage zu stellen ist eines der letzten Tabus unserer aufgeklärten, debattierfreudigen Gesellschaft.“ tönt es im Eva Prinzip und „Die Selbstverwirklichung ist oft nur ein Deckmantel für egoistische Alleingänge oder wirtschaftliche Zwänge, bei denen erst die Familie auf der Strecke bleibt und dann die Frau selber.“ und „Schließlich erkannte ich, dass wir Frauen umso weniger Kompromisse eingehen können, je stärker wir uns dem Prinzip der Selbstverwirklichung zuwenden.“
Frauen, welche bewusst auf Familie verzichten oder karrierebewusst sind, treten in Hermans Welt nur als traurige Gestalten auf, die mit zusammengebissenen Zähnen stets um ihren Vorteil kämpfen und im Restaurant schon mal zu „Dragonern“ mutieren. Die angestrebte Selbstverwirklichung durch Arbeit wird hier zu einer Abhängigkeit von Selbst- und Fremdbestätigung, der freilich nur die Frauen unterliegen.
Das dahinter stehende Bild ist eindeutig: Frauen, die sich auf die Spielregeln der männlichen Berufs- und Konkurrenzwelt einlassen, sind entweder gar nicht mehr auf die weiblichen Tugenden bedacht oder sie müssen scheitern. Hermans Fazit ist simpel: Frauenarbeit ist Familien- und Heimarbeit.
Diese Einstellung ist, wie bereits skizziert, keine neue. Der Arbeitsmarkt ist trotz zahlreicher Unmutsbekundungen und Reformen immer noch größtenteils nach Geschlechtern separiert
Woher Frau Herman da den Eindruck gewinnt, die Familienpolitiker der BRD hätte ein sozialistisches Menschenbild, bleibt schleierhaft. Im Gegensatz zu den Frauen in der BRD konnten die Frauen in der DDR nach der geburt eines Kindes schnell wieder in Ihren Job einsteigen und auf ein gut Ausgebautes Betreuungssystem zurückgreifen. Die Kritik an den angeblich verheerenden Zuständen, die dort geherrscht haben sollen, formulierten vor Herman schon andere( siehe Hans Joachim Maaz „Gefühlsstau“). Nach einer eingehenderen Bestandaufnahme wird jedoch schnell deutlich, dass dieses Buch „in überfüllender Anpassung bundesdeutsche Ideologie in Reinform darbietet“ (Vinken).
Frauen in der BRD werden, auch für die selbe Tätigkeit, schlechter bezahlt als Männer und bekommen keine gleichwertigen Verträge, sind häufiger arbeitslos und haben kaum Aussichten darauf, Karriere zu machen, obwohl sie heute fast genauso qualifiziert sind wie ihre Kollegen. Nach wie vor hängen sozialer Status und gesellschaftliche Eingriffsmöglichkeiten jedoch an der beruflichen Karriere Der ungebrochene Wunsch nach Teilzeitarbeit ist bei Frauen mit Kindern stark ausgeprägt, weil sie annehmen, sie müssen sich sonst zwischen Kind und Beruf entscheiden, aber kaum eine dieser Teilzeitstellen bieten Aufstiegschancen. Es ist nach wie vor eine absolute Ausnahme, dass Männer ihren Anspruch auf Erziehungsurlaub ausschöpfen. Außerdem wird die Wirtschaftgemeinschaft Ehe durch zahlreiche Vergünstigungen und Bestimmungen in Deutschland gefördert und hält die Ehefrauen in vielen Fällen dadurch in finanzieller Abhängigkeit. (vgl. dazu B.Vinken)
Das Dilemma, in dem Frauen aufgrund all dessen immer noch stecken, wird von Eva Herman mit dem Wunsch beantwortet, das Rad der Geschichte zurück zu drehen. Sie sieht auch keine Ungerechtigkeit darin, dass Mensche männlichen Geschlechts ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Fatal ist es für sie nur dann, wenn Frauen, also potentielle Mütter sich versklaven lassen. Stattdessen befürwortet sie das, was zahlreiche Mütter in Deutschland sowieso schon tun: sie organisieren ihr eigenes Leben um das ihrer Kinder herum, verfallen in Bastelfieber und Gestaltungswahn in der Kita oder Grundschule des Sprösslings, überfrachten sich selbst und das Kind mit Ängsten vor der fremden Welt und festigen in den Augen der nächsten Generation ein typisches Bild von Männlichkeit und Weiblichkeit. Das alles tun sie im Namen der Berufung, wenn sie schon keinen Beruf ausüben sollen.
Die von Herman beklagte Feminisierung der Erziehung und daraus resultierende Unterdrückung von männlichen Verhaltensweisen bei Jungen, weil im Elementarbereich überwiegend Frauen arbeiten, beantwortet sie selbstredend nicht mit der Forderung nach mehr männlichem Fachpersonal. Das würde sich mit ihrer Vorstellung von männlichen Fähigkeiten ja auch nicht formulieren lassen.

Weib, schweig still!
Eva Herman beharrt stur auf ihrer dichotomen Sicht von gut und böse, richtig und falsch, Werten und Traditionen und vertritt ein Weltbild, das nahe legt, sich in Konventionen und Klischees einzurichten. Es sei ihr selbst überlassen, sich für den Rest ihres Lebens in ihr Idyll zurück zu ziehen; möge sie doch nur endlich aufhören, den Büchermarkt mit ihrer reaktionären Selbstdarstellung zu versorgen und statt dessen ein Tagebuch führen oder Stillberaterin werden und sich ansonsten tugendhaft in weiblicher Zurückhaltung üben.
Die Kritik an den Verhältnissen kann sie getrost anderen überlassen, deren Ziel nicht die Befreiung der Frau von der schrecklichen Welt ist, sondern dass diese Welt keine schreckliche mehr ist. Und das ist weder mit Gott, noch mit der Familie und schon gar nicht den Deutschen zu schaffen, sondern nur mit Menschen, die sich als Individuen gegenüber stehen und für ihre Interessen kämpfen.
Eva Herman und ihre Claqueure unterschiedlicher couleur, bringen die Idee der Familie in Anschlag gegen die „Zumutungen“ von Zivilisation und Kapitalismus. Das Konzept von Blut das sich in der Familie ausdrückt, d.h. das Denken in Kategorien von Stamm und Clan, soll die bürgerlich-abstrakten Verkehrsformen, die der Kapitalismus mit sich brachte, außer Kraft setzen bzw. gegen diese in Opposition gebracht werden.
Die Familie – in sich nichts weiter als ein repressives Zwangskollektiv, dass auf dem Gedanken des Blutes beruht – wird verstanden als antikapitalistischer Moment; eine Vorstellung in der sich romantische Antikapitalismusphantasien sei es von linker, rechter, christlicher oder islamischer Seite wieder finden.
Wenn Eva Herman dann den Individualismus geißelt, dessen Ausprägung in Deutschland eh nur sehr gering ist, wird deutlich wohin die Stoßrichtung Eva Hermans und ihrer (heimlichen) Verehrer geht oder besser gesagt gegen was sie letztendlich geht und zwangsläufig gehen muss. Denn in der Ablehnung und im Hass auf den Individualismus spiegelt sich der Hass auf den Liberalismus wieder, dessen Idee die der (freien) Entfaltung des Individuums und der Sicherung dessen ist. Diese Ablehnung des Liberalismus beinhaltet auch stets die Ablehnung der Aufklärung, die den Menschen aufgezeigt hat, dass ihre Unmündigkeit selbst verschuldet ist und dass ein Heraustreten aus dieser und damit auch aus (Zwangs-)Kollektiven wie Volk und Familie möglich ist.
In dem von Eva Herman und ihren Fans hochgehaltenen Bild der Familie bricht sich letztendlich der Wunsch nach (Zeiten von) Horde und Stamm seine Bahn.

  1. Wurde doch auch gerade in den Verfallsprodukten der Studentenbewegung wieder bzw. immer noch die Familie in Anschlag gegen den Kapitalismus und seine Verkehrsformen gebracht, was sich in Landkommunen und ähnlichem zeigte. [zurück]

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