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Zur Kritik an Antikapitalismus und Globalisierungskritik

30. Juni 2007

Anläßlich der geplanten NPD-Demonstration am 7.7. in Frankfurt a.M. und der zu erwartenden Gegenaktivitäten, wurde das Flugblatt „Zur Kritik an Antikapitalismus und Globalisierungskritik“ geschrieben. Als pdf-Datei gibt es das Flugblatt hier

Zur Kritik an Antikapitalismus und Globalisierungskritik

„Ganz klein am Horizont kann man dinge sehen- dinge die wir nicht verstehen“

Die Linke in Deutschland scheint schier zu verzweifeln- die Nazis klauen den StreiterInnen für eine bessere Welt ihren Antikapitalismus und marschieren wie heute in Frankfurt oder anderntags von Berlin bis Scheisshausen gleich in Mannschaftsstärke auf, um gegen den „Tummelplatz der Heuschrecken“ (NPD-Aufruf) – gemeint ist hier die Frankfurter Börse- oder für die Erhaltung des „Sozialsystem(s) für deutsche“ ( ebd .) zu demonstrieren. Von den meisten Linken wird der Antikapitalismus der Nazis – etwa in Form der antikapitalistischen Kampagne von NPD und freien Kameradschaften – ganz empört als ein Adaptieren linker Inhalte wahrgenommen und statt einer kritischen Überprüfung der eigenen Agenda der Kapitalismuskritik werden den Nazis – statt sie beim Wort zu nehmen, wenn sie von einem nationalen Sozialismus schwadronieren- gänzlich andere Absichten unterstellt. Etwa ein neuerlicher Versuch, die Ängste der Menschen vor sozialem Abstieg zu schüren und diese dadurch für das barbarische Programm der Nazis zu funktionalisieren. Davon mal abgesehen, dass selbst ein Hartz4- Abhängiger aus der tiefsten Provinz- ganz gleich ob diese Schwedt, Wurzen oder Butzbach heißt- immer noch selbst entscheidet, ob er das „braune“ Programm der Nazis wählt oder sich für eine Welt freier Menschen zu begeistern vermag.
So sollte der Antikapitalismus der Nazis seit der „antikapitalistischen Revolte“ ( Moishe Postone ) eben durch diese in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts für jeden nicht gänzlich geschichtsvergessenen Menschen auch nichts Neuartiges darstellen.
Man muss ebenso zur Kenntnis nehmen, dass sozialstaatliche Standards in Deutschland keinesfalls gegen die Herrschaft erkämpft wurden: der deutsche Sozialstaat wurde durch Bismarck im Kaiserreich installiert, um SPD und Gewerkschaften den Wind aus den Segeln zu nehmen. Später im Nationalsozialismus wurde die Volksgemeinschaft realisiert und fand ihren Ausdruck in einem Wohlfahrtsstaat mit Kraft durch Freude, Vollbeschäftigung und Volkswagen für die Volksgenossen.
Die heuer in sozialdemokratischen Kreisen von SPD bis die Linke beliebte und von den Nazis ausgegebene Parole „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ verdeutlicht in wenigen Worten den Wunsch der Deutschen nach Gemeinschaft und Nestwärme unter Ihresgleichen – welche schon einmal in dem wohligen Schoß der Volksgemeinschaft erfahren wurden, der zugleich Zuflucht vor den „Zumutungen“ der Zivilisation und der Mündigkeit des Einzelnen bot . Im Nachkriegsdeutschland blieb der korporatistische Geist erhalten und transformierte sich in der postnazistischen Gesellschaft- so ist die BRD einer der Staaten mit den wenigsten Streiks weltweit , bietet jedoch dennoch ein umfassendes Wohlfahrtssystem, welches sicherlich nicht durch die angeblich so kämpferische Arbeiterklasse erstritten wurde. Der materielle Wohlstand, auf den der BRD-Sozialstaat aufgebaut wurde, verdankt diese Gesellschaft übrigens zu nicht unerheblichem Teil dem Modernisierungsschub der Nazis, d.h.: durch Arisierung, Zwangsarbeit, Krieg, der korporatistischen Formierung der Gesellschaft als Volksgemeinschaft und Vernichtung.

„was sein muss das muss schließlich sein“

Schaut man sich die zahlreichen Verlautbarungen der Antikapitalisten in den letzten Monaten an, welche vor allem zum G8- Gipfel in Heiligendamm verfasst wurden, so vermag der allergrößte Teil davon bei aufgeklärten Menschen schieres Entsetzen hervorgerufen haben; nicht jedoch bei großen Teilen der marginalisierten Linken, aus deren Reihen so manch skurrile Äußerung kam.
Das Kölner Antifa- Café etwa demonstrierte gegen die „selbsternannten Weltherrscher“ die sie, in den Personen: Merkel, Putin und Bush auszumachen glaubten. Zu dieser Analyse kommt man nur, wenn man ignoriert, dass die Subjekte sich, wie die berühmt- berüchtigten „dümmsten Kälber“ welche ihre „Metzger“ selber wählen, verhalten. Diese „Weltherrscher“ sind nichts anderes als durch die Massen, welche man zu gerne von jeglicher Kritik ausnimmt, demokratisch legitimierte Charaktermasken ihres jeweiligen Nationalstaates. Dieser fungiert zunächst einmal als „ideeller Gesamtkapitalist“ (Karl Marx), der die gesellschaftlichen –warenförmige – Verhältnisse garantiert; diese stehen einerseits den Individuen als Fremdes gegenüber, subsumieren sie aber zugleich restlos.
Wenn sich bei der Attac- Sommerakademie 2006 um die „kulturelle Identität indigener Gemeinschaften“ gesorgt wird, so stößt dies bei linken, multikulturell begeisterten Antirassist/innen auf ebenso offene Ohren wie bei den sogenannten „Ethno-Pluralisten“ der NPD, welche nicht müde werden zu betonen, wie wichtig doch die „kulturelle Eigenheit“ der „Völker“ sei. Beiden auf den ersten Blick doch so unversöhnlich verschiedenen Gruppen ist eines gemeinsam: das Individuum zählt ihnen nichts, die Gemeinschaft alles. Die egoistischen Interessen der Subjekte, welche möglicherweise außerhalb kultureller, religiöser und damit zum Beispiel allzu oft einhergehender sexueller normen liegen, werden dem Kollektiv geopfert, welchem es sich unterzuordnen gilt.
Wer eine solche Denkweise an den Tag legt kommt eher früher als später bei der Volksgemeinschaft an, niemals jedoch wird er oder sie auf diesem Wege den „Verein freier Menschen“ (Karl Marx) auch nur denkbar machen.

„wir sind gewillt zu übersehen- was wir jetzt noch nicht verstehen“

Was darüber hinaus linke wie rechte Antikapitalisten eint, ist eine Personalisierung kapitalistischer Vergesellschaftung – welche auch als „verkürzte Kapitalismuskritik“ bezeichnet wird. Wert, Geld und Handel sind abstrakte, heimatlose Formen welche in dieser falschen Analyse der Verhältnisse bestimmten Personen wie etwa „Bankiers“, „Yuppies“ oder „Bonzen“ zugeschrieben werden. Solch eine Analyse ist strukturell antisemitisch, denn als strukturellen Antisemitismus beschreibt man solche Erklärungsversuche, welche sich antisemitischer Klischees bedienen ohne die Juden konkret zu benennen. Wer eine solche Personalisierung betreibt ist nur noch einen Schritt entfernt vom Juden als Konkretisierung des Antisemitismus, wobei eine konkrete Benennung der Juden nicht mehr nötig ist, weil sie aufgrund der seit dem Mittelalter tradierten und in der europäischen Kultur stark verankerten Ressentiments vom Juden als „heimatloser Krämer“, „Wucherer“ und „Ausbeuter“ so offensichtlich auf der Hand liegen, dass sie nicht mehr ausgesprochen werden müssen. Selbst die Nazis kommen in ihrem Aufruf zur heutigen Demonstration drum herum, die Juden direkt zu benennen obwohl ihr Aufruf zutiefst antisemitisch ist. Wenn sie von der „internationalen Hochfinanz“ sprechen weiß ohnehin Jede/r wer damit gemeint ist…
Es findet eine dichotomische Trennung von „gutem, schaffenden Kapital“, welches die Sphäre der Produktion darstellen soll und mit den „ehrlichen“ Arbeitern identifiziert wird auf der einen Seite und diametral gegenüberstehend das „böse, raffende Kapital“ dass der Sphäre der Zirkulation der kapitalistischen Vergesellschaftung angeheftet wird und in den Kapitalisten ausgemacht wird, statt. Dies ist nur als ein weiterer Versuch zu werten, den Massen bzw. dem „Volk“ jegliche schlimmen Absichten abzusprechen, schließlich vermutet man dort revolutionäres Potential und vermeidet es deshalb tunlichst, diesen Leuten auf die Füße zu treten. Doch auch wie die Arbeiter in den Verhältnissen gefangen und den daraus strukturellen Zwängen unterworfen sind, sind dies auch die Kapitalisten. Somit stellen auch diese nichts weiter dar, als beliebig ersetzbare „Charaktermasken“, wie von Marx bereits im Vorwort seines Werks „Das Kapital“ festgestellt. Ganz praktisch artikuliert sich der oben beschriebene Antikapitalismus in Dutzenden abgefackelten Mittel- bis Oberklasseautos im Vorfeld des G8- Gipfels durch militante Linksradikale getreu dem Motto, die „Reichen“ für ihren Luxus zu hassen statt diesen für alle einzufordern – mit einer Gesellschaftskritik im emanzipatorischen Sinne hat dies alles reichlich wenig zu tun.

„Es ist alles so einfach“

Der Kommunismus stellt eine emanzipatorische Aufhebung des Kapitalismus dar, der Antisemit will eine negative Aufhebung dessen, auf der Grundlage seiner selbst und damit einen Rückfall hinter die zivilisatorischen Eigenschaften und Errungenschaften, die der Kapitalismus mit der bürgerlichen Ordnung brachte. Somit gilt es festzuhalten am bürgerlichen Versprechen von Luxus und Individualität mit der Absicht – wie Adorno sie bereits postulierte – an einer „Welt, in der man ohne Angst verschieden sein kann“. Das diese Versprechen auf Grundlage einer warenförmigen Vergesellschaftung nicht einzulösen sind sollte nicht dazu verleiten, platten Analysen Vorschub zu leisten. Diesem, im zweiten Absatz beschriebenen antikapitalistischen Treiben ist mit den notwendigen Mitteln Einhalt zu bieten, denn dort wo es die Oberhand gewinnt, ist an Gesellschaftskritik nicht mehr zu denken, dort hat die Barbarei bereits erste Gestalt angenommen.

comité liberté, im Juni 2007.

Alle Überschriften sind dem Lied « hi freaks » von tocotronic entnommen.

Tipps zum Weiterlesen:

Moishe Postone „Antisemitismus und Nationalsozialismus“ in ders.: „Deutschland, die Linke und der Holocaust – Politische Interventionen“, ca ira, Freiburg im Brsg..

Andrea Woeldike „Kapitalismus und deutscher Wahn“ in: Arbeitskreis Kritik des deutschen Antisemitismus (Hg.): „Antisemitismus – die deutsche Normalität“, ca ira, Freiburg im Brsg..

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