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Auf zu neuen Uffern!

5. Juni 2007

Anläßlich der Demonstration “ HÖR MIR UFF MIT DEUTSCHLAND!“ (der Aufruf zu dieser Demonstration ist hier nachzulesen) entstand der folgende Text des comité liberté (eine pdf-version davon gibt es hier).

AUF ZU NEUEN UFFERN!

Wenn im Aufruf zur heutigen Demonstration von Freiräumen
gesprochen wird, so klingt dies wie ein Versprechen,
welches in den gegebenen Verhältnissen nicht einzulösen
ist. Jede Möglichkeit zur Entwicklung von gelebten Theorien
wird anders genutzt und kann pauschal auch nicht unter einen
Begriff gezaubert werden. Die gelebten Konstruktionen
werden in den autonomen Himmel gehoben und die Realität
ausgeblendet. Die von den NutzerInnen selbst eingeforderte
Kritik an Deutschland und den herrschenden Verhältnissen
wird nicht einmal ernsthaft formuliert, wenn von Staat und
Gesellschaft gleichermaßen versucht wird, den gebotenen
angeblichen Alternativen zu all dem die Existenz zu entziehen.
Die Rückzugsmöglichkeiten in Form von Wohnprojekten
und Zentren werden geschlossen und statt entgültig die Konsequenz
aus diesen Tatsachen zu ziehen, werden die Räume,
die eigentlich zur Kritikbildung genutzt werden sollten zu
Stätten, in denen Schulterschluss mit der Gesellschaft und
ihren Bedürfnissen geübt wird. -
Dass Autonome Zentren und linke „Freiräume“ Perspektiven
von emanzipatorischer Kapitalismuskritik eröffnen könnten
steht natürlich außer Frage, jedoch ist es fernab der Realität
zu behaupten, dass diese Räume ein Entkommen aus der
kapitalistischen Verwertungslogik bedeuten. Auch in diesen
Zentren herrschen bestimmte Regeln, deren Einhaltung von
höchster Wichtigkeit für ein Zusammenleben sind. Ebenso
wie Regeln zum Miteinander überlebenswichtig sind, kann
auch keines dieser Angebote ohne warenförmige Vergesellschaftung
existieren. Auch wenn ihr Anspruch ein Anderer
ist, kommen sie zwangsläufig den Verwertungsprinzipien in
die Mühlen. Es wäre utopisch zu glauben, die Gesellschaft
würde tatsächlich ausgesperrt und hätte keine Chance diese
Veranstaltungsorte zu dominieren. Oft werden gerade aus
dem Glauben heraus etwas „Freies“ schaffen zu können,
den abgelehnten Normen andere entgegengesetzt, die blind,
schlicht das Gegenteil von dem darstellen, was in der Gesellschaft
„draußen“ als negativ identifiziert wurde. Ohne an die
Auswirkungen zu denken wird versucht etwas zum Leben zu
erwecken, das unter den geschaffenen Umständen nicht zu
dem gewünschten Ziel führt. Der pragmatische Nutzen solcher
Räume sollte also nicht darüber hinwegtäuschen, dass
der prinzipielle Anspruch in diesen nicht immer fortschrittlich,
emanzipatorisch, sondern durchaus auch reaktionär und
unreflektiert daher kommen kann.
Auf der anderen Seite führen die Schließungen und die allgemeinen
Zwänge denen diese Zentren unterliegen, seltsamerweise
zur Anbiederung der NutzerInnen an die Gesellschaft,
mit dem „jetz ma` uffgehört“ werden soll. Somit kann gar
keine Kritik an den deutschen Verhältnissen formuliert werden,
denn genau diese werden gar nicht erst als Auslöser der
Entwicklung erkannt oder formuliert.
Das Phantom der guten Gesellschaft, die von den machtgierigen
und geldgeilen Geschäftsleuten dirigiert werde, und
deren Entscheidungen über den Rechten der bürgerlichen
Gesellschaft stehen würden, muss aufrecht erhalten werden,
um einen Adressaten für die Bitten nach Erhaltung der „Freiräume“
darstellen zu können.
Die inhaltslosen Phrasen die gegen Deutschland ins Gefecht
geschickt werden, sind vielmehr ein Pochen auf das Recht
eine Nische in der Gesellschaft einnehmen zu dürfen die von
großem Wert für eben diese sein soll. Eine Art Sozialarbeit
wird angepriesen, die angeblichen AussteigerInnen aus der
Verwertungslogik einen Platz bietet, sich wieder einzubringen,
in die anscheinend zwanglose Gesellschaft im kleinen.
Allein die Existenz der Verhältnisse, aber, die jede/n Einzelne/
n immer dazu zwingen als variables Kapital zur eigenen
Verwertung zur Verfügung zu stehen, liefern schon jeden Tag
den Grund für Kritik an den herrschenden Zuständen. Den
Anlass, dafür zu kämpfen sich dieser Verhältnisse entledigen
zu können und nicht, es sich in den geschaffenen Nischen so
bequem wie möglich zu machen.
Sollen also die gesamtumfassenden Zwänge von heute abgeschafft
werden, so gilt es ihnen eine allumfassende Kritik entgegen
stellen zu können, und nicht, sich in der von Zwang
durchsetzten Gesellschaft einzurichten.
Wenn im Aufruf zur heutigen Demonstration das Einzige,
was am Kapitalismus kritisierenswert erscheint, die „unmenschlichen
Produktionsverhältnisse“ sind, legt das den
Gedanken nahe, dass die zur Verfügung stehenden „Freiräume“
eben nicht zwangsläufig dazu genutzt werden sich
tatsächlich mit fundierter Kritik zu befassen. Der Rückzug ins
autonome Traumland, fern ab von Kapitalismus und beseelt
von der Verteufelung des Reichtums ist kein Schritt zur Verbesserung
der Zustände.
Ein Fehlschluss ist es ebenfalls zu glauben, eine „Gefahrenabwehrverordnung“,
wie sie nicht nur in Gießen in Kraft ist, sei
gänzlich unerwünscht und diene nur einer kapitalversessenen
Oberschicht, die alles, was keine Kaufkraft besitzt aus der
Bahn geräumt sehen will. Die freiwilligen HilfspolizistInnen
wachsen nicht auf Bäumen und die Befürwortung in der Bevölkerung
für die Maßnahmen, welche die heimischen Bürgersteige
sauber halten sollen ist enorm. Das Wahlprogramm
hat gezeigt worauf die WählerInnen reagieren, und daraus
resultierten die Maßnahmen, die einer Gesellschaft, die Angst
vor dem Verlust der eigenen Kapitalkraft hat, den Rücken frei
halten sollen. Nicht Jeder sieht also die „Verschönerung“ der
Strassen und den Erhalt der Attraktivität „seines“ Daseins als
die größte aller Bedrohungen an.
Das Bitten um Anerkennung der wertvollen Arbeit am „Sozialprojekt“
deutsche Gesellschaft macht demnach wenig
Sinn, denn die Ablehnung ist denen gewiss, die sich von den
gängigen Bedürfnissen lossagen möchten. Auf Akzeptanz
und Unterstützung zu hoffen ist müßig und steht in keinem
Verhältnis zu dem nach Außen vertretenen Anspruch einer
Freimachung von den Zwängen, das hätte längst erkannt
sein sollen.
Trotz allem gilt es Möglichkeiten zur Schaffung eines Bildungsraumes
zu erhalten. Die Idee an sich ist es wert erhalten
und ausprobiert zu werden. Was daraus zu machen die
Menschen in der Lage sind, ist abhängig vom jeweiligen Anspruch
an ein besseres Leben.

Comité Liberté | www.antifa-giessen.de

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