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Auschwitz ist überall?

30. Juni 2007

Anläßlich der Filmvorführung des Filmes „Earthlings“, die in den Räumlichkeiten der Cafeteria der FH Giessen stattfand und von der „Tierrechtsgruppe Giessen“ organisiert war, entstand folgendes Flugblatt; eine pdf-Version des Flugblattes gibt es hier

AUSCHWITZ IST ÜBERALL?…ÜBER DIE REGRESSIVEN TENDENZEN DES FILMS „EARTHLINGS“ UND SEINER ENTHALTSAMEN BEWUNDERER
1000mal schon kritisiert scheint doch der sogenannte „KZ- Vergleich“ mancher Tierrechtler liebstes Steckenpferd zu sein. „Earthlings“ ist nicht das Erste und bei weitem nicht das einzige Material, das gebraucht wird, um für eine tierliebere, bessere Welt zu werben, das sich einer Holocaustrelativierung als stilistischem Element bedient. Immer wieder scheint es den Initiatoren von Kampagnen angemessen zu sein, die Verbrechen, die von Deutschen und ihren Helfern an Jüdinnen und Juden begangen wurden, mit der Aufzucht und Schlachtung von Tieren gleichzusetzen.

Das Tier wie du und ich – Ein Nazi wie du und ich?
Die Gleichsetzung, die der Film „Earthlings“ und andere Kampagnen der Tierrechtsbewegung nutzen, um die Zustände in den Schlachthöfen dieser Welt noch dramatischer erscheinen zu lassen, ist eine Beleidigung und Verhöhnung der Opfer von deutschen Vernichtungslagern. In einem Bild die Grauen des Konzentrationslagers Auschwitz. Ein paar Sequenzen weiter, aus der gleichen Perspektive aufgenommen, eine Rinderzucht.
In nur einer Sekunde wird Auschwitz seines politischen Hintergrunds beraubt und steht mit einem Mal in einer langen Reihe von vielen „Greueltaten“. Die Tatsache, dass der Holocaust gegenüber den täglichen Schlachtungen und den stetig betriebenen Legebatterien an Bedeutung verliert, ist gewollt und ebnet so den Weg zur eingängigen Gleichung der Macher solcher Kampagnen.
Das Tier durchlebt die selben Schrecken wie die Opfer des NS und der Aufschrei der Tierfreunde bleibt aus, obwohl an Hand von Bildern, die vermeintlich Ähnliches zu zeigen scheinen, der Beweis für eine eindeutige Parallele angeführt wird. Ohne weitere Erläuterung sieht man andere Verbrechen, die sich ebenso nahtlos in die Holocaust Liste einfügen, von Frauen und Kindern, die ebenfalls mit denen an Tieren gleichauf stehen sollen. Wehrlose Opfer sollen dies versinnbildlichen, die der Willkür von Stärkeren schutzlos ausgeliefert sind.
So wird der Schlachthof, von dieser Seite betrachtet, zur Stätte unsinniger und grundloser Tötungen von Tieren und gleichzeitig auch in ein für Tierrechtler genehmes Licht gerückt.
Für die Betrachter der Bilder wird alles, was sich verwursten lässt durch den Wolf gedreht und ihnen als verklebender Brei ins Gewissen geschüttet.
Allein die Tatsache, dass Schlachthöfe als Teil des kapitalistischen Systems fungieren und den Markt mit zu Waren verarbeiteten Nutztieren speisen, Auschwitz dagegen ein Vernichtungslager war, das den ausgemachten Feind, die Juden, auslöschen sollte, fehlt.

Juden gegen Metzger – wir brauchen jüdische Kronzeugen
Wie Isaac Bashevis sind auch Tony Judt, Noam Chomsky, Uri Avnery oder Norman G. Finkelstein nicht irgendwelche Personen, die Israel kritisieren, sie sind selbst Juden und diese können wohl – der gängigen Meinung nach – schlecht Antisemiten sein oder Antisemiten zuspielen, obwohl sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit das Gegenteil unter Beweis stellen. Gerade deshalb werden ihre „kritischen Äußerungen“ mit Vorliebe –bis hinein in die nationalsozialistische NPD, welche schon mal gerne Avnery zitierte- verwendet, wenn es um Israel geht. Als jüdisches Alibi dienen deshalb die getätigten Aussprüche von Bashevis, der selbst als polnischer Jude die Entwicklungen und die Zuspitzung der Judenverfolgung in einem jüdischen Armenviertel miterlebte.
In „Earthlings“ kommt der Autor zu Wort, welcher in der Tierrechtsszene kein Unbekannter ist. „Wenn es um Tiere geht“, wird laut Bashevis „jeder zum Nazi. …. Für Tiere ist jeden Tag Treblinka.“. Für den Großteil des Publikums bedeuteten diese Art Aussagen wohl den endgültigen Startschuss zum allgemeinen Aufatmen. Wenn selbst ein Jude nicht Anstoß nimmt, sogar selbst diese Vergleiche als absolut angemessen empfindet, wird wohl etwas Wahres dran sein. Natürlich wäre die Anzahl derer, die für diese Zwecke geeignete Aussagen verbrochen haben deutlich länger, müsste man sich nicht schon im Vorhinein dem Vorwurf erwehren, antisemitische Inhalte zu vertreten und sich deshalb auf die vermeintlich abgesicherte Person beschränken.

Eine theoretische Betrachtung – Warum Schlachthöfe nichts mit Auschwitz gemein haben!
Die unsägliche Rede von „Tier-KZs“ und von „Holocaust auf dem Teller“ ist zum Großteil „bereits in der reduktionistischen Vorgehensweise angelegt, für den Vergleich [von Auschwitz und Tierschlachtung] ausschließlich die Phänomene des Holocaust und der Massenschlachtung von Tieren zu berücksichtigen, ihr Wesen jedoch außer Acht zu lassen.“ (Witt-Stahl). Denn wäre auch nur ansatzweise versucht worden, zu durchdringen was die Shoah -und damit Auschwitz als Sinnbild dessen – war, so wäre doch ziemlich umgehend die Unglaublichkeit dieser Gleichsetzung zu Tage getreten. So aber wurde die Vernichtung der Juden ihres Kontextes beraubt (der Antisemitismus, dessen eliminatorischer Anspruch in Auschwitz offen zu Tage trat, wird dabei ebenso geflissentlich ausgeblendet) und die Shoah wird als eine ethisch-moralische Problemstellung begriffen.

In den Juden zeigt sich für den Antisemiten die Gegenrasse, das negative Prinzip als solches innerhalb des Denkens in Kategorien von Rasse, Volk und Nation (vgl. Horkheimer 2001, 177). Aus dieser Konsequenz und mit den damit unmittelbar verbunden Zuschreibungen, die Juden und Jüdinnen gemacht werden, speist sich das Verlangen und das entsprechende Handeln des Antisemiten, denn „von ihrer [der Juden] Ausrottung soll das Glück der Welt abhängen“ (Horkheimer 2001, 177) 1. Auschwitz und die anderen Lager der Vernichtung waren Todesfabriken, deren Zweck darin bestand alle Juden und Jüdinnen, derer die Deutschen habhaft werden konnten, auszumerzen; und nicht nur ihre Körper, sondern ebenso ihre gesamte Kultur sollte total vernichtet werden; nichts mehr sollte an die Juden und ihre (ehemalige) Existenz erinnern.

Der Antisemitismus beruht auf (falscher) Projektion(en) (vgl. Horkheimer 2001, 196). Der Antisemit formt das Bild des Juden und im Bild des Juden was die Antisemiten „vor der Welt aufrichten, drücken sie ihr eigenes Wesen aus.“ (Horkheimer 2001, 177), ihre eigenen Gelüste, die sie nicht ausleben können und derer sie sich nicht gewahr werden wollen. „Den Juden mit dieser ihrer Schuld beladen, als Herrscher verhöhnt schlagen sie ans Kreuz, endlos das Opfer wiederholend, an dessen Kraft sie nicht glauben können.“ (Horkheimer 2001, 177).
Der Antisemit sieht in seinem Opfer – dem Juden – stets noch den Verfolger, „von dem er verzweifelt sich zur Notwehr treiben ließ, [denn selbst] die mächtigsten Reiche haben den schwächsten Nachbarn als unerträgliche Bedrohung empfunden, ehe sie über ihn herfielen“ (Horkheimer 2001, 196).
Die dem derzeitigen System der Vergesellschaftung – dem Kapitalismus – zugrunde liegende Struktur ist die Warenförmigkeit, die einzelne Ausdrucksform dessen die Ware (vgl. Marx 1966, 49); erst im Kapitalismus und durch sein ihm immanentes Prinzip des Tausches nimmt die Ware eine solch zentrale Stellung im Prozess der Vergesellschaftung ein. Das Wesen der Ware zeichnet sich u.a. dadurch aus, dass sie einen – ihr immanenten – Doppelcharakter besitzt; die einzelne Ware besitzt sowohl einen Tausch- als auch einen Gebrauchswert. Der Gebrauchswert bestimmt sich in und durch die Nützlichkeit eines Dinges: dies bedeutet ebenso, dass der Gebrauchswert sich eben nur im Gebrauch des Dinges oder in der Konsumtion dessen verwirklicht. Der Gebrauchswert tritt in stofflicher Form auf und bildet dadurch in der warenförmigen Vergesellschaftung den stofflichen Träger des Tauschwertes (vgl. Marx 1966, 50). Dieser wiederum ist eine gesellschaftliche Bestimmung, die aus der ökonomischen Form der Warenförmigkeit und damit verbunden dem Prozess des Tausches entsteht (und erst im Akt des Tausches konstituiert er sich) (vgl. Marx 1966, 53); dadurch ist er zwar einerseits allgegenwärtig, aber andererseits abstrakt und nicht greifbar (vgl. Grigat 2002, 5). Die Zuschreibungen, die der Antisemit den Juden und Jüdinnen macht, sind deckungsgleich mit den Charakteristika des Tauschwertes. Dieser Prozess erreicht seinen grausamen Kulminationspunkt in der Shoah. Moishe Postone schreibt diesbzgl.: „Eine kapitalistische Fabrik ist ein Ort, an dem Wert produziert wird, der ’unglücklicherweise’ die Form der Produktion von Gütern annehmen muß. Das Konkrete wird als notwendiger Träger des Abstrakten produziert. Die Vernichtungslager waren demgegenüber keine entsetzliche Version einer solchen Fabrik, sondern müssen eher als ihre groteske arische ‘antikapitalistische’ Negation gesehen werden. Auschwitz war eine Fabrik zur ‘Vernichtung des Werts’, das heißt zur Vernichtung der Personifizierung des Abstrakten. Sie hatte die Organisation eines teuflischen industriellen Prozesses mit dem Ziel, das Konkrete vom Abstrakten zu ‘befreien’. Der erste Schritt dazu war die Entmenschlichung, das heißt die ‘Maske’ der Menschlichkeit wegzureißen und die Juden als das zu zeigen, was ‘sie wirklich sind’, Schatten, Ziffern, Abstraktionen. Der zweite Schritt war dann, diese Abstraktheit auszurotten, sie in Rauch zu verwandeln, jedoch auch zu versuchen, die letzten Reste des konkreten gegenständlichen ‘Gebrauchswerts’ abzuschöpfen: Kleider, Gold, Haare, Seife. Auschwitz, nicht die ‘Machtergreifung’ 1933, war die wirkliche ‘Deutsche Revolution’ – die wirkliche Schein-‘Umwälzung’ der bestehenden Gesellschaftsformation. Diese Tat sollte die Welt vor der Tyrannei des Abstrakten bewahren.“ (Postone 2005, 193).
Tiere hingegen sind in der kapitalistischen Produktionsweise, in der sie als Ware gelten, nun mal gleichzeitig Gebrauchs- und Tauschwert und wie jede Ware damit dem Prinzip des Tausches unterworfen. Die Schlachthöfe sind somit keine Fabriken zur Vernichtung des Wertes, in ihnen findet keine Vernichtung der Personifizierung des Abstrakten statt; in den Schlachthöfen findet eine (Weiter-)verarbeitung von Gebrauchwert statt, mit der Absicht, dadurch später Tauschwert zu realisieren. Wie in jeder (kapitalistischen) Fabrik o.ä. kann der Kapitalist durch die zugesetzte menschliche Arbeitskraft einen Mehrwert, den er sich aneignet, erzielen. Der Schlachthof ist in dieser Hinsicht, in seiner ihm eigenen Verfasstheit somit einer (kapitalistischen) Fabrik vergleichbar und er ist eben nicht die „groteske arische ‘antikapitalistische’ Negation“ der Fabrik, wie Postone die KZs beschreibt, deren Ziel es, war das Konkrete vom Abstrakten – durch die Vernichtung der Personifizierung dessen – zu ‘befreien’ (vgl. Postone 2005, 193).

Diese Gleichsetzung (von Auschwitz und Schlachthof) impliziert ebenfalls die „Entschuldung“ der Deutschen und deren Projekt zur Vernichtung der Juden; denn wenn tagtäglich sich Auschwitz wiederholt und v.a. in dieser Logik Auschwitz ja tagtäglich, Jahrhunderte lang in den Schlachthöfen vorweggenommen wurde, wo liegt in dieser Logik dann noch die spezifische Schuld der Deutschen? Die Shoah wird somit nivelliert, sie wird zu einem alltäglichen Verbrechen.
Denn in dieser Denkweise ist dann letztendlich alles Holocaust, sei es der „Bomben-Holocaust“, wie nationalsozialistische Deutsche die Bombardierung Dresdens durch die Royal Airforce im Rahmen ihres antifaschistischen Kampfes gegen Deutschland nennen; sei es der „Baby-Holocaust“, wie christliche Deutsche Abtreibungen benennen; sei es der „atomare Holocaust“, den friedensbewegte Deutsche in den 1980ern Jahren als Sinn und Zweck der amerikanischen (oder – eher seltener – aber wahlweise auch der sowjetischen) Aufrüstung sahen. Im Vergleich wird der Holocaust ein Holocaust unter vielen, Auschwitz ein Ort des Schreckens unter vielen anderen (Schlachthöfe, Abtreibungskliniken, Raketensilos usw.) und somit auch Deutschland eine (gleiche) Nation unter vielen anderen. Das Spezifische der deutschen Vergangenheit – und damit die spezifisch deutsche Geschichte – wird somit aus der Geschichte, aus dem Erinnern getilgt und damit wird der nationalsozialistische Massenmord eingeordnet in ein Jahrhundert des Schreckens.

„Auschwitz liegt nicht am Strand von Malibu und auch nicht auf unseren Tellern. Es war eine deutsche Todesfabrik, die von deutschen Mörderbanden auf polnischem Boden errichtet worden war.“ (Witt-Stahl)

comité liberté, im Dezember 2007.

Grigat, Stephan 2002: „Zu Struktur und Logik des Antisemitismus. Eine Einführung.“ in: Gruppe Morgenthau und AK Kritische Theorie FH Frankfurt (Hg.): „Deutsche Projektionen – Zur Kritik antisemitischer Weltbilder.“, o. O., S. 5-9.

Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W. 2001: „Dialektik der Aufklärung – Philosophische Fragmente“, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M..

Marx, Karl 1966: „Das Kapital – Erster Band“, Dietz Verlag, Berlin.

Postone, Moishe 2005: „Antisemitismus und Nationalsozialismus“ in ders.: „Deutschland, die Linke und der Holocaust – Politische Interventionen“, ca ira, Freiburg im Brsg., S. 165-194.

Witt-Stahl, Susann: http://tan.pflanzenmoerder.de/texte/petakritik.html

  1. Für den Fleischkonsumenten hängt nicht das Glück der Welt davon ab, alle Tiere auszurotten, vielmehr ist das Gegenteil der Fall: für den Fleischkonsumenten wäre die Ausrottung aller Tiere das Unglück schlechthin, denn dies würde ja seinen Konsum verunmöglichen. [zurück]
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Zur Kritik an Antikapitalismus und Globalisierungskritik

Anläßlich der geplanten NPD-Demonstration am 7.7. in Frankfurt a.M. und der zu erwartenden Gegenaktivitäten, wurde das Flugblatt „Zur Kritik an Antikapitalismus und Globalisierungskritik“ geschrieben. Als pdf-Datei gibt es das Flugblatt hier

Zur Kritik an Antikapitalismus und Globalisierungskritik

„Ganz klein am Horizont kann man dinge sehen- dinge die wir nicht verstehen“

Die Linke in Deutschland scheint schier zu verzweifeln- die Nazis klauen den StreiterInnen für eine bessere Welt ihren Antikapitalismus und marschieren wie heute in Frankfurt oder anderntags von Berlin bis Scheisshausen gleich in Mannschaftsstärke auf, um gegen den „Tummelplatz der Heuschrecken“ (NPD-Aufruf) – gemeint ist hier die Frankfurter Börse- oder für die Erhaltung des „Sozialsystem(s) für deutsche“ ( ebd .) zu demonstrieren. Von den meisten Linken wird der Antikapitalismus der Nazis – etwa in Form der antikapitalistischen Kampagne von NPD und freien Kameradschaften – ganz empört als ein Adaptieren linker Inhalte wahrgenommen und statt einer kritischen Überprüfung der eigenen Agenda der Kapitalismuskritik werden den Nazis – statt sie beim Wort zu nehmen, wenn sie von einem nationalen Sozialismus schwadronieren- gänzlich andere Absichten unterstellt. Etwa ein neuerlicher Versuch, die Ängste der Menschen vor sozialem Abstieg zu schüren und diese dadurch für das barbarische Programm der Nazis zu funktionalisieren. Davon mal abgesehen, dass selbst ein Hartz4- Abhängiger aus der tiefsten Provinz- ganz gleich ob diese Schwedt, Wurzen oder Butzbach heißt- immer noch selbst entscheidet, ob er das „braune“ Programm der Nazis wählt oder sich für eine Welt freier Menschen zu begeistern vermag.
So sollte der Antikapitalismus der Nazis seit der „antikapitalistischen Revolte“ ( Moishe Postone ) eben durch diese in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts für jeden nicht gänzlich geschichtsvergessenen Menschen auch nichts Neuartiges darstellen.
Man muss ebenso zur Kenntnis nehmen, dass sozialstaatliche Standards in Deutschland keinesfalls gegen die Herrschaft erkämpft wurden: der deutsche Sozialstaat wurde durch Bismarck im Kaiserreich installiert, um SPD und Gewerkschaften den Wind aus den Segeln zu nehmen. Später im Nationalsozialismus wurde die Volksgemeinschaft realisiert und fand ihren Ausdruck in einem Wohlfahrtsstaat mit Kraft durch Freude, Vollbeschäftigung und Volkswagen für die Volksgenossen.
Die heuer in sozialdemokratischen Kreisen von SPD bis die Linke beliebte und von den Nazis ausgegebene Parole „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ verdeutlicht in wenigen Worten den Wunsch der Deutschen nach Gemeinschaft und Nestwärme unter Ihresgleichen – welche schon einmal in dem wohligen Schoß der Volksgemeinschaft erfahren wurden, der zugleich Zuflucht vor den „Zumutungen“ der Zivilisation und der Mündigkeit des Einzelnen bot . Im Nachkriegsdeutschland blieb der korporatistische Geist erhalten und transformierte sich in der postnazistischen Gesellschaft- so ist die BRD einer der Staaten mit den wenigsten Streiks weltweit , bietet jedoch dennoch ein umfassendes Wohlfahrtssystem, welches sicherlich nicht durch die angeblich so kämpferische Arbeiterklasse erstritten wurde. Der materielle Wohlstand, auf den der BRD-Sozialstaat aufgebaut wurde, verdankt diese Gesellschaft übrigens zu nicht unerheblichem Teil dem Modernisierungsschub der Nazis, d.h.: durch Arisierung, Zwangsarbeit, Krieg, der korporatistischen Formierung der Gesellschaft als Volksgemeinschaft und Vernichtung.

„was sein muss das muss schließlich sein“

Schaut man sich die zahlreichen Verlautbarungen der Antikapitalisten in den letzten Monaten an, welche vor allem zum G8- Gipfel in Heiligendamm verfasst wurden, so vermag der allergrößte Teil davon bei aufgeklärten Menschen schieres Entsetzen hervorgerufen haben; nicht jedoch bei großen Teilen der marginalisierten Linken, aus deren Reihen so manch skurrile Äußerung kam.
Das Kölner Antifa- Café etwa demonstrierte gegen die „selbsternannten Weltherrscher“ die sie, in den Personen: Merkel, Putin und Bush auszumachen glaubten. Zu dieser Analyse kommt man nur, wenn man ignoriert, dass die Subjekte sich, wie die berühmt- berüchtigten „dümmsten Kälber“ welche ihre „Metzger“ selber wählen, verhalten. Diese „Weltherrscher“ sind nichts anderes als durch die Massen, welche man zu gerne von jeglicher Kritik ausnimmt, demokratisch legitimierte Charaktermasken ihres jeweiligen Nationalstaates. Dieser fungiert zunächst einmal als „ideeller Gesamtkapitalist“ (Karl Marx), der die gesellschaftlichen –warenförmige – Verhältnisse garantiert; diese stehen einerseits den Individuen als Fremdes gegenüber, subsumieren sie aber zugleich restlos.
Wenn sich bei der Attac- Sommerakademie 2006 um die „kulturelle Identität indigener Gemeinschaften“ gesorgt wird, so stößt dies bei linken, multikulturell begeisterten Antirassist/innen auf ebenso offene Ohren wie bei den sogenannten „Ethno-Pluralisten“ der NPD, welche nicht müde werden zu betonen, wie wichtig doch die „kulturelle Eigenheit“ der „Völker“ sei. Beiden auf den ersten Blick doch so unversöhnlich verschiedenen Gruppen ist eines gemeinsam: das Individuum zählt ihnen nichts, die Gemeinschaft alles. Die egoistischen Interessen der Subjekte, welche möglicherweise außerhalb kultureller, religiöser und damit zum Beispiel allzu oft einhergehender sexueller normen liegen, werden dem Kollektiv geopfert, welchem es sich unterzuordnen gilt.
Wer eine solche Denkweise an den Tag legt kommt eher früher als später bei der Volksgemeinschaft an, niemals jedoch wird er oder sie auf diesem Wege den „Verein freier Menschen“ (Karl Marx) auch nur denkbar machen.

„wir sind gewillt zu übersehen- was wir jetzt noch nicht verstehen“

Was darüber hinaus linke wie rechte Antikapitalisten eint, ist eine Personalisierung kapitalistischer Vergesellschaftung – welche auch als „verkürzte Kapitalismuskritik“ bezeichnet wird. Wert, Geld und Handel sind abstrakte, heimatlose Formen welche in dieser falschen Analyse der Verhältnisse bestimmten Personen wie etwa „Bankiers“, „Yuppies“ oder „Bonzen“ zugeschrieben werden. Solch eine Analyse ist strukturell antisemitisch, denn als strukturellen Antisemitismus beschreibt man solche Erklärungsversuche, welche sich antisemitischer Klischees bedienen ohne die Juden konkret zu benennen. Wer eine solche Personalisierung betreibt ist nur noch einen Schritt entfernt vom Juden als Konkretisierung des Antisemitismus, wobei eine konkrete Benennung der Juden nicht mehr nötig ist, weil sie aufgrund der seit dem Mittelalter tradierten und in der europäischen Kultur stark verankerten Ressentiments vom Juden als „heimatloser Krämer“, „Wucherer“ und „Ausbeuter“ so offensichtlich auf der Hand liegen, dass sie nicht mehr ausgesprochen werden müssen. Selbst die Nazis kommen in ihrem Aufruf zur heutigen Demonstration drum herum, die Juden direkt zu benennen obwohl ihr Aufruf zutiefst antisemitisch ist. Wenn sie von der „internationalen Hochfinanz“ sprechen weiß ohnehin Jede/r wer damit gemeint ist…
Es findet eine dichotomische Trennung von „gutem, schaffenden Kapital“, welches die Sphäre der Produktion darstellen soll und mit den „ehrlichen“ Arbeitern identifiziert wird auf der einen Seite und diametral gegenüberstehend das „böse, raffende Kapital“ dass der Sphäre der Zirkulation der kapitalistischen Vergesellschaftung angeheftet wird und in den Kapitalisten ausgemacht wird, statt. Dies ist nur als ein weiterer Versuch zu werten, den Massen bzw. dem „Volk“ jegliche schlimmen Absichten abzusprechen, schließlich vermutet man dort revolutionäres Potential und vermeidet es deshalb tunlichst, diesen Leuten auf die Füße zu treten. Doch auch wie die Arbeiter in den Verhältnissen gefangen und den daraus strukturellen Zwängen unterworfen sind, sind dies auch die Kapitalisten. Somit stellen auch diese nichts weiter dar, als beliebig ersetzbare „Charaktermasken“, wie von Marx bereits im Vorwort seines Werks „Das Kapital“ festgestellt. Ganz praktisch artikuliert sich der oben beschriebene Antikapitalismus in Dutzenden abgefackelten Mittel- bis Oberklasseautos im Vorfeld des G8- Gipfels durch militante Linksradikale getreu dem Motto, die „Reichen“ für ihren Luxus zu hassen statt diesen für alle einzufordern – mit einer Gesellschaftskritik im emanzipatorischen Sinne hat dies alles reichlich wenig zu tun.

„Es ist alles so einfach“

Der Kommunismus stellt eine emanzipatorische Aufhebung des Kapitalismus dar, der Antisemit will eine negative Aufhebung dessen, auf der Grundlage seiner selbst und damit einen Rückfall hinter die zivilisatorischen Eigenschaften und Errungenschaften, die der Kapitalismus mit der bürgerlichen Ordnung brachte. Somit gilt es festzuhalten am bürgerlichen Versprechen von Luxus und Individualität mit der Absicht – wie Adorno sie bereits postulierte – an einer „Welt, in der man ohne Angst verschieden sein kann“. Das diese Versprechen auf Grundlage einer warenförmigen Vergesellschaftung nicht einzulösen sind sollte nicht dazu verleiten, platten Analysen Vorschub zu leisten. Diesem, im zweiten Absatz beschriebenen antikapitalistischen Treiben ist mit den notwendigen Mitteln Einhalt zu bieten, denn dort wo es die Oberhand gewinnt, ist an Gesellschaftskritik nicht mehr zu denken, dort hat die Barbarei bereits erste Gestalt angenommen.

comité liberté, im Juni 2007.

Alle Überschriften sind dem Lied « hi freaks » von tocotronic entnommen.

Tipps zum Weiterlesen:

Moishe Postone „Antisemitismus und Nationalsozialismus“ in ders.: „Deutschland, die Linke und der Holocaust – Politische Interventionen“, ca ira, Freiburg im Brsg..

Andrea Woeldike „Kapitalismus und deutscher Wahn“ in: Arbeitskreis Kritik des deutschen Antisemitismus (Hg.): „Antisemitismus – die deutsche Normalität“, ca ira, Freiburg im Brsg..

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Auf zu neuen Uffern!

5. Juni 2007

Anläßlich der Demonstration “ HÖR MIR UFF MIT DEUTSCHLAND!“ (der Aufruf zu dieser Demonstration ist hier nachzulesen) entstand der folgende Text des comité liberté (eine pdf-version davon gibt es hier).

AUF ZU NEUEN UFFERN!

Wenn im Aufruf zur heutigen Demonstration von Freiräumen
gesprochen wird, so klingt dies wie ein Versprechen,
welches in den gegebenen Verhältnissen nicht einzulösen
ist. Jede Möglichkeit zur Entwicklung von gelebten Theorien
wird anders genutzt und kann pauschal auch nicht unter einen
Begriff gezaubert werden. Die gelebten Konstruktionen
werden in den autonomen Himmel gehoben und die Realität
ausgeblendet. Die von den NutzerInnen selbst eingeforderte
Kritik an Deutschland und den herrschenden Verhältnissen
wird nicht einmal ernsthaft formuliert, wenn von Staat und
Gesellschaft gleichermaßen versucht wird, den gebotenen
angeblichen Alternativen zu all dem die Existenz zu entziehen.
Die Rückzugsmöglichkeiten in Form von Wohnprojekten
und Zentren werden geschlossen und statt entgültig die Konsequenz
aus diesen Tatsachen zu ziehen, werden die Räume,
die eigentlich zur Kritikbildung genutzt werden sollten zu
Stätten, in denen Schulterschluss mit der Gesellschaft und
ihren Bedürfnissen geübt wird. -
Dass Autonome Zentren und linke „Freiräume“ Perspektiven
von emanzipatorischer Kapitalismuskritik eröffnen könnten
steht natürlich außer Frage, jedoch ist es fernab der Realität
zu behaupten, dass diese Räume ein Entkommen aus der
kapitalistischen Verwertungslogik bedeuten. Auch in diesen
Zentren herrschen bestimmte Regeln, deren Einhaltung von
höchster Wichtigkeit für ein Zusammenleben sind. Ebenso
wie Regeln zum Miteinander überlebenswichtig sind, kann
auch keines dieser Angebote ohne warenförmige Vergesellschaftung
existieren. Auch wenn ihr Anspruch ein Anderer
ist, kommen sie zwangsläufig den Verwertungsprinzipien in
die Mühlen. Es wäre utopisch zu glauben, die Gesellschaft
würde tatsächlich ausgesperrt und hätte keine Chance diese
Veranstaltungsorte zu dominieren. Oft werden gerade aus
dem Glauben heraus etwas „Freies“ schaffen zu können,
den abgelehnten Normen andere entgegengesetzt, die blind,
schlicht das Gegenteil von dem darstellen, was in der Gesellschaft
„draußen“ als negativ identifiziert wurde. Ohne an die
Auswirkungen zu denken wird versucht etwas zum Leben zu
erwecken, das unter den geschaffenen Umständen nicht zu
dem gewünschten Ziel führt. Der pragmatische Nutzen solcher
Räume sollte also nicht darüber hinwegtäuschen, dass
der prinzipielle Anspruch in diesen nicht immer fortschrittlich,
emanzipatorisch, sondern durchaus auch reaktionär und
unreflektiert daher kommen kann.
Auf der anderen Seite führen die Schließungen und die allgemeinen
Zwänge denen diese Zentren unterliegen, seltsamerweise
zur Anbiederung der NutzerInnen an die Gesellschaft,
mit dem „jetz ma` uffgehört“ werden soll. Somit kann gar
keine Kritik an den deutschen Verhältnissen formuliert werden,
denn genau diese werden gar nicht erst als Auslöser der
Entwicklung erkannt oder formuliert.
Das Phantom der guten Gesellschaft, die von den machtgierigen
und geldgeilen Geschäftsleuten dirigiert werde, und
deren Entscheidungen über den Rechten der bürgerlichen
Gesellschaft stehen würden, muss aufrecht erhalten werden,
um einen Adressaten für die Bitten nach Erhaltung der „Freiräume“
darstellen zu können.
Die inhaltslosen Phrasen die gegen Deutschland ins Gefecht
geschickt werden, sind vielmehr ein Pochen auf das Recht
eine Nische in der Gesellschaft einnehmen zu dürfen die von
großem Wert für eben diese sein soll. Eine Art Sozialarbeit
wird angepriesen, die angeblichen AussteigerInnen aus der
Verwertungslogik einen Platz bietet, sich wieder einzubringen,
in die anscheinend zwanglose Gesellschaft im kleinen.
Allein die Existenz der Verhältnisse, aber, die jede/n Einzelne/
n immer dazu zwingen als variables Kapital zur eigenen
Verwertung zur Verfügung zu stehen, liefern schon jeden Tag
den Grund für Kritik an den herrschenden Zuständen. Den
Anlass, dafür zu kämpfen sich dieser Verhältnisse entledigen
zu können und nicht, es sich in den geschaffenen Nischen so
bequem wie möglich zu machen.
Sollen also die gesamtumfassenden Zwänge von heute abgeschafft
werden, so gilt es ihnen eine allumfassende Kritik entgegen
stellen zu können, und nicht, sich in der von Zwang
durchsetzten Gesellschaft einzurichten.
Wenn im Aufruf zur heutigen Demonstration das Einzige,
was am Kapitalismus kritisierenswert erscheint, die „unmenschlichen
Produktionsverhältnisse“ sind, legt das den
Gedanken nahe, dass die zur Verfügung stehenden „Freiräume“
eben nicht zwangsläufig dazu genutzt werden sich
tatsächlich mit fundierter Kritik zu befassen. Der Rückzug ins
autonome Traumland, fern ab von Kapitalismus und beseelt
von der Verteufelung des Reichtums ist kein Schritt zur Verbesserung
der Zustände.
Ein Fehlschluss ist es ebenfalls zu glauben, eine „Gefahrenabwehrverordnung“,
wie sie nicht nur in Gießen in Kraft ist, sei
gänzlich unerwünscht und diene nur einer kapitalversessenen
Oberschicht, die alles, was keine Kaufkraft besitzt aus der
Bahn geräumt sehen will. Die freiwilligen HilfspolizistInnen
wachsen nicht auf Bäumen und die Befürwortung in der Bevölkerung
für die Maßnahmen, welche die heimischen Bürgersteige
sauber halten sollen ist enorm. Das Wahlprogramm
hat gezeigt worauf die WählerInnen reagieren, und daraus
resultierten die Maßnahmen, die einer Gesellschaft, die Angst
vor dem Verlust der eigenen Kapitalkraft hat, den Rücken frei
halten sollen. Nicht Jeder sieht also die „Verschönerung“ der
Strassen und den Erhalt der Attraktivität „seines“ Daseins als
die größte aller Bedrohungen an.
Das Bitten um Anerkennung der wertvollen Arbeit am „Sozialprojekt“
deutsche Gesellschaft macht demnach wenig
Sinn, denn die Ablehnung ist denen gewiss, die sich von den
gängigen Bedürfnissen lossagen möchten. Auf Akzeptanz
und Unterstützung zu hoffen ist müßig und steht in keinem
Verhältnis zu dem nach Außen vertretenen Anspruch einer
Freimachung von den Zwängen, das hätte längst erkannt
sein sollen.
Trotz allem gilt es Möglichkeiten zur Schaffung eines Bildungsraumes
zu erhalten. Die Idee an sich ist es wert erhalten
und ausprobiert zu werden. Was daraus zu machen die
Menschen in der Lage sind, ist abhängig vom jeweiligen Anspruch
an ein besseres Leben.

Comité Liberté | www.antifa-giessen.de


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